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Neuer Versuch, neues Glück!
Die Programmgestaltung für das Jahr 1994 erwies sich als unglaublich schwierig. Crowded House hatte bereits ihr Kommen bestätigt, mußten dann jedoch einen Rückzieher machen, da der Schlagzeuger überraschend die Band verließ. Wir gingen das Risiko ein, ein musikalisch exquisites Line-up zusammen zu stellen, ohne die derzeitige Popularität der gebuchten Bands zu berücksichtigen. Das Programm besaß keine Gassenhauer und der Stimmungsmoment lag eher in beschaulicheren Regionen. Bettie Serveert und the Nits aus Holland, mußten vor ihren Auftritten die gnadenlose Niederlage im Fußball WM-Spiel gegen ihren Nachbarn Belgien verarbeiten, den man sich gemeinsam Backstage anschaute. Unser holländischer Bühnenmanager Hein Fokker und seine Landsleute wurden von großer Trauer befallen, was man den späteren Shows trotzdem nicht anmerkte. Roachford, wieder einer der Musiker, der erst Monate nach dem Auftritt bei uns in die Charts kletterte, sorgte mit einem bombastischen Finale im Morgengrauen für einen grandiosen Schlußpunkt. Bobo In White Wooden Houses, Terry Hoax und die Muskeln komplettierten den Festivaltag, der im Nachhinein unter "Aktionären" und Zuschauern heftigst diskutiert wurde. Wir hatten wieder Geld verloren, trotz gutem Wetter. Die Stimmung war äußerst "bescheiden", angespannt und stand ganz im Zeichen der Ursachenforschung. "Bands kannte kein Mensch und bei den Hooters und Geldof war viel mehr Stimmung ...!" - "The Nits waren das wohl brillianteste und Beste, was dieses Pferdequadrat je gesehen hat ...!" - "Grönemeyer oder die Toten Hosen müßt ihr holen, wenn ...!" und andere Kommentare machten die Runde. Die Zusammenstellung der Künstler im Jahre 1994 war folglich geprägt von der Konzeption, Atmosphäre durch Stimmen- und Melodienvielfalt zu erzeugen und damit auf auf größere Akzeptanz beim Publikum zu stoßen. Es gab Leute, deren Begeisterung groß war. Andersherum waren auch viele äußerst gelangweilt und verstanden die Welt nicht mehr.
Die Meinungen drifteten stark auseinander, wobei wir es noch heute klasse finden, wie wir das damals gemacht haben. Einen Grönemeyer und die Toten Hosen können wir nicht bezahlen, es sei denn die Karten kosteten demnächst 120,- und das Bier DM 8,- Mark. Man überlegte, stritt und einigte sich auf eine weitere Zukunft des Festivals. Der Freitag mit der bekannten Sause wurde nun bis ca. 23.00 Uhr mit Live Musik angereichert, um das Publikum früher auf die Wiese zu bewegen. So passierte es, das die Camper mehr wurden und das Wochenende zum Happening tendierte. Unser Wunsch war es schon immer, die Sache als Ganzes zu betrachten, so das sich der Besucher auf ein komplettes Wochenende freuen konnte. Wir senkten die Preise und investierten kostenbewußter. Vornehmlich junge Künstler wie H-Blockx, Sun, Nationalgalerie, Oil on Canvas, Seven Day Diary und Dear Wolf mit teils aufsteigender Tendenz und geringeren Nebenkosten zählten zum diesjährigen Programm. The Jayhawks und Giant Sand befanden sich auf Europa-Tournee und konnten somit auch relativ preiswert verpflichtet werden. Element of Crime ist, seit dem Nieselregen-Auftritt im Jahr 1988, eine Sucht, von der wir uns nur schlecht trennen können. Das Wetter war die Apocalypse: Dauerregen, Schlamm und zu allem Überfluß eine geborstene Wasserleitung. Die Leute zelteten nicht am, sondern im See und die Grasnarbe verschwand im Sumpf. Es goss wie aus Kübeln, doch das Publikum strömte zum Festivalgelände, was die Musiker ebenso verwunderte wie uns. Schon ein Phänomen, bei solchem Scheißwetter Freitags 2000 und Samstags 3500 Besucher zu zählen. Die "Aktionäre" arbeiteten in diesen Tagen rund um die Uhr, um die Umstände so gut es ging zu mildern. Die Geschichten von abgesoffenen Festivals waren bekannt und machten die Runde, doch das Chaos blieb aus. Es geschah Wundersames an diesem Wochenende in Haldern. Von einem kollektiven Gedanken befallen, entstand eine sehr eigenartige und ausgelassene Atmosphäre, die Musiker, Veranstalter und auch Publikum gleichsam ansteckte. Nils Frevert, Sänger von Nationalgalerie, zitierte das Festival zwei Monate später in einem Fernsehinterview, als den persönlichen Höhepunkt des Sommers.
H-Blockx ließen bei ihrem Auftritt alle Widrigkeiten vergessen und kochten die Masse aus Schlamm und Zuschauern auf entsprechende Temperaturen. Der Regen hörte auf und Element of Crime begann. Die Kapelle aus Berlin zelebrierte einen völligen Kontrast zu den Münsteranern und zog ein abgekämpftes Publikum in ihren Bann, entführten die Durchnässten geradezu in eine andere Welt der Melancholie. Das war schon wunderbar, wie sich das scheinbar so ausweglose Wochenendes seinen erfolgreichen Weg bahnte. Folgekosten der Witterung schmälerten erneut unsere Kasse, und der Aufwand an Arbeit steigerte sich um ein Vielfaches, was den Blick in die Zukunft nicht gerade rosiger gestaltete. Irgendwie scheint das Projekt immer kostspieliger zu werden. Aber trennen möchten wir uns auch nicht davon. Mittlerweile bewältigen ca. 130 "Aktionäre", von Idealismus getrieben dieses Festival. Immer wieder steigen neue Leute ein und bringen frischen Wind ins Geschehen, andere wiederum steigen aus Zeitgründen aus oder stellen fest, das Werdegang und Strukturen nicht mehr mit ihrer persönlichen Vorstellung übereinstimmen. Das Festival in Haldern steht und fällt mit der Bereitschaft seiner Aktiven. Es gibt keine Satzungen oder ähnliche Reglementierungen, so dass über seine Zukunft nur Begeisterung und Interesse seiner "Aktionäre" entscheiden. Wenn der Spaß mal nicht mehr da sein sollte, wäre es müßig diese Tradition aufrecht zu erhalten. Solange man sich die Spannung und die Lust an guter Live-Musik und dem Drumherum bewahrt, wird es dieses Festival geben. Keiner der Organisatoren lebt von diesem Spektakel, dafür produziert es Geschichten und Erlebnisse, die den eigentlichen Reiz ausmachen. Viele der hier auftretenden Musiker spürten, mit wieviel Engagement und Liebe zum Detail organisiert wird, und dass in den entscheidenden Augenblicken auch die erforderliche Professionalität vorhanden ist. Popmusik ist Kommunikation, und die vollziehen Publikum und Bands alljährlich auf eine ganz persönliche Art und Weise. Für uns stand dem kommenden Festival 1996 nichts im Wege, auch das Wetter konnte sein wie es wollte.
Es war wie es wollte und die Vegetation dankte mit einem satten Grün.
Musikalisch sicherlich ein Festival der geschichtsträchtigen Art. The Afghan Whigs zelebrierten ein beseeltes Konzert
der Superlative. So zweitrangig fühlte sich das Wetter wohl niemals zuvor in Haldern. Greg Dulli trocknete das Gemüt
und belohnte das Publikum. Tocotronic, Blumfeld und Rekord brachten die Leutchen auf die richtige Spur. Am Samstag begann Samba
gefolgt von Marion und der Dave Matthews Band. Letztere sorgte für eine weitere Überraschung, der Amerikaner erzeugte
Sprachlosigkeit auf dem durchnäßten Reitplatz und ließ ein düpiertes Publikum zurück. Danach war es
für Wolf Maahn, The Bluetones, Selig und The Walkabouts nicht ganz einfach nach diesem Inferno auf ihre Kunst aufmerksam
zu machen, was ihnen dennoch gelang. Dave Matthews spielte einige Konzerte mit Neil Young in Europa und konnte somit zwischen
Konstanz und Brüssel in Haldern auftreten. The Afghan Whigs reisten bereits am Donnerstag an und wir erlebten sie als eine
sehr angenehme und liebenswerte Band, Amerikaner die was wußten und sich für Dinge interessierten. 1996 zeigt uns,
dass der Weg die Überraschung zu suchen und die Besucher für das Ungewöhnliche zu sensibilisieren, der richtige
Weg des Open-Airs in die Zukunft ist. Es müssen Götter bemüht und Sponsoren gefunden werden, denn der Idealismus,
im Auftrag der Kunst unterwegs zu sein, wird teuer und den Aktionären summasummarum immer schwerer erklärbar. Was
passiert hier eigentlich, die Künstler mögen das Festival, Petrus scheint andere Prioritäten zu setzten und die
Finanzen sehen ähnlich mitgenommen wie der Reitplatz aus.
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