Haldern Pop Festival // 09.-11. August 2012

Geschichte

 

Ein Festival am Niederrhein

Wir erzählen hier die Geschichte einer wunderschönen Idee und ihrer Entstehung. Als im Jahre 1981 erstmalig Halderner Ministranten bei der Suche nach einer nicht überdachten Steckdose, in schöner Landschaft gelegen, fündig wurden,

wusste noch keiner, das Bob Geldof 10 Jahre später - unweit gleicher Stelle - Salbei Tee verlangen würde, um seine Stimme zu regenerieren.

Aber all das passierte auch erst viel später.

Erst einmal waren da die 14 Messdiener und Ihre beiden Oberministranten, die mit Hilfe einer Steckdose, einer Laune zur Folge, eine Sause organisierten. Es gab Musik aus der Konserve und jede Menge Improvisationen, was den Abend zu einem unerwarteten Erfolg werden ließ. 1982 und 1983 wurde an der Fete weiter gefeilt, und weit über 1500 Besucher fanden den Weg auf den alten Reitplatz in Haldern. Das Ereignis hatte sich herumgesprochen, die Örtlichkeit war bekannt und somit der folgende Schritt die logische Konsequenz; die Bands sollten selber kommen, um live zu musizieren. Um das allerdings zu realisieren, mussten mehr Aktive und Geld her. In diesem Augenblick wurde die Idee des "Aktienprojektes" geboren. Die potentiellen Anleger trafen sich im "Raum 3" zur Gründungsversammlung.

Jeder Interessent konnte einen Anteil im Werte von DM 500,- erwerben, womit er sich gleichzeitig zur Mitarbeit verpflichtete. Circa 54 "Aktionäre" gewannen Spaß an dem Projekt und bildeten die Basis für das erste Halderner Open Air Festival, das am Samstag, dem 23. Juni 1984 auf dem alten Reitplatz stattfand. The Chameleons und Nightwing aus England sowie Herne 3 waren die ersten Kapellen, die den Weg in die niederrheinische Provinz fanden. Im Vorfeld nutzten wir die reichlich vorhandene Arbeitskraft der "Aktionäre", um soviel Kosten wie möglich aufzufangen. Man brach für einen Schreiner im Dorf ein ganzes Haus ab, um aus dem Dachstuhl die erste Bühne zu bauen. Von einem Bekannten, der Schwager, davon der Bruder und dessen Nichte, die wiederum... So oder ähnlich wurden Dinge für lau "organisiert". Organisatorisch betraten wir völliges Neuland, da wir bis dato nur Bands wie Dea Minos oder Stuff im Jugendheim organisiert hatten, die allerdings deutsch sprachen und um die Ecke wohnten. Nichts ist unmöglich, dachten wir, und es klappte. Es war ein klasse Festival, finanziell jedoch war die Sache mit der "Konserve" weitaus interessanter. Jeder Aktionär verlor ca. DM 130,-, war dafür aber auch stolzer Konzertveranstalter. Gegen Pop-Musik kann man sich nicht versichern, man muss sie genießen! So entschieden wir uns für den Spaß und gingen den wirtschaftlich unangenehmeren Weg der Live Musik.

Das folgende Jahr

mit Grobschnitt, Frantics, 42 nd street und The Radio - riss, wegen katastrophalen Wetters, ein noch größeres Loch in unsere Kasse. Als am Festivaltag Grobschnitt anreiste, sagten sie uns, das es für alle Betroffenen am besten wäre, in Anbetracht des Wetters erst gar nicht auszuladen, sondern gemütlich fernzusehen und keine unnötigen Kosten zu produzieren. Genaugenommen waren sie sich nicht einmal sicher, ob unser hiesiger Landstrich noch Europa war oder ob jeder weitere Schritt sie an den Tellerrand führen würde. Diskussionen und eine Wetterberuhigung ließen die Sache dann doch noch stattfinden.

Der Stolz, es doch gemacht zu haben, trieb uns weiter, und im Jahre 1986 erlebten wir dann das finanzielle Debakel schlechthin. Schlechtes Wetter und unbekannte Bands brachten uns wirtschaftlich an den Rand des Ruins, aber musikalisch erlebten wir mit Midnite Fun, The Radio und NDAGA den Urknall. Speziell Midnite Fun tröstete uns über das finanzielle Fiasko hinweg, weil sie ein bis heute unvergessenes Konzert gaben.

1987 - Licht am Horizont

mit Extrabreit, The Affair, The Trash und Midnite Fun wurde erstmalig mehr eingenommen als ausgegeben! Gutes Wetter und viele "extra Breite" sorgten für den finanziellen Erfolg des Abends.

Das Festival sprach sich nun auch in Musikerkreisen herum, und die Chancen wurden größer, auch mit Bands zu arbeiten, die weiter oben auf unserer Wunschliste standen, wie z.B. Element of Crime. Plan B - damals noch völlig unbekannt und ohne Plattenvertrag - reisten für Spesen an, und The Name aus England wollten auch nicht Unmengen an Gage. 1988 war für uns ein künstlerisch entscheidendes Jahr, weil wir mit der Verpflichtung von Element of Crime und Plan B zum damaligen Zeitpunkt eine gute Nase bewiesen, was uns eine gewisse Beachtung und Kooperationsbereitschaft anderer Veranstalter und Künstler einbrachte.

Kontakte in England ergaben die erste Verpflichtung eines sogenannten "Headliners" - Fischer Z spielten damals im Paket mit BAP vier Festivals in Deutschland und im Anschluß alleine bei uns. Zusammen mit Cliff Barnes and The Fear Of Winning, Shiny Gnomes und Dear Wolf sprengte dieses Programm erstmalig die zweitausender Besuchermarke, was für unsere arg gebeutelte Initiative wie gerufen kam. Neu war in diesem Jahr die vorabendliche Sause auf dem Festivalgelände mit Musik aus der "Konserve". Dieser Abend wurde zum festen Bestandteil und ließ viele sich an die Anfänge erinnern.

1990

folgte ein plus/minus null-Jahr mit Herwig Mitteregger, Ferryboat Bill, Energy Orchard, Norbert & die Feiglinge und M. Walking On The Water. Auch hier fanden sich weit über 2000 Besucher auf dem alten Reitplatz ein und lauschten dem Manta Song der vier Hanseaten

An einem verschneiten Tag im Februar kam die grandiose Überraschung per Fax! "Hiermit bestätigen wir den Auftritt von Bob Geldof für das Halderner Open Air Festival am 20. Juli 1991".

Der Kontakt zum Künstler entstand über eine eher witzige Begebenheit. Im Jahre 1990 entwarfen wir ein Festival T-Shirt mit der Aufschrift (C)orrupt (T)icket (S)elling. CTS war ein neues Computer gesteuertes Konzertkarten Vertriebsnetz für Deutschland, mit dem in seiner damaligen Form nicht alle Veranstalter einverstanden waren. Gerade für uns als Kleinveranstalter sahen wir eine Ausgrenzung im Vorverkaufsbereich. Auch andere Großveranstalter sahen das damals ähnlich schwierig und fanden demnach an unserer Aktion großen Gefallen. Ein Veranstalter nahm Kontakt mit uns auf, was uns für die Zukunft von großem Nutzen sein sollte.

Mit der Verpflichtung Bob Geldofs unterstützte er uns erstmals.

Weiterhin spielten in diesem Jahr die Jeremy Days, The Blue Aeroplanes, Plan B und die Tuff Babies und rundeten damit den wohl erfolgreichsten Abend in der Geschichte des Open Airs in Haldern ab. Knapp 5000 Besucher bevölkerten die alte Pferdewiese und erlebten einen Geldof wie im Bilderbuch. Die Begeisterung war grenzenlos, und der Abend hatte für alle Beteiligten etwas Bleibendes. Der Bann schien gebrochen, wachsendes Interesse auch internationaler Künstler ließen für die kommenden Jahre hoffen. Bessere Kontakte dank verschiedenster Referenzen und ein intensiveres Bemühen im Vorfeld erschlossen neue Bands und Musiker, deren Karrieren sich noch am Anfang befanden. So konnte man gute Künstler verpflichten, ohne direkt Unmengen Geld für den Namen auszugeben. Die Spanier Heroes Del Silencio, im Jahre eins nach Geldof (1992), starteten kurze Zeit nach ihrem Gastspiel in Haldern durch. Diese Band wäre heutzutage unbezahlbar für uns. Im gleichen Jahr spielten die Jeremy Days, An Emotional Fish (IRL), The Milltown Brothers und Kingmaker (beide GB). An Emotional Fish wurde zum damaligen Zeitpunkt als der Geheimtip schlechthin gehandelt und spielte 1992 auch nur diese einzige Show in Deutschland.

Wir ließen Sie damals aus Dublin einfliegen, was natürlich teuer - aber dafür auch sehr exotisch war. Den Luxus, für einzelne Shows Bands einzuladen, die dann entweder per Flugzeug oder mit Nigthlinern anreisten, leisteten wir uns des öfteren (The Blue Aeroplanes, Kingmaker, The Milltown Brothers, The Nits, Bettie Serveert, Energy Orchard, The Silencers, Imaculate Fools). Um nochmal auf das Jahr 1992 zurückzukommen: Es gelang uns auch in diesem Jahr, plus zu machen und erstklassige, zeitgemäße Pop Musik zu präsentieren.

Man konnte es kaum glauben, es sollte in diesem Jahr das 10. Festival werden und wir waren immer noch nicht reich und berühmt, hatten kein Nummernkonto in der Schweiz, dafür aber über ein großes Potential an Geschichten und Legenden, die sich um die Geschehnisse der letzten Jahre rankten. Das internationale Erlebnis küsste uns einmal jährlich aus unserer ländlichen Lethargie wach, und wir dankten ihm mit Tatendrang.

Zum 10. mal sollte nun das ländliche Idyll, mit dem immer wiederkehrendem Motto "Catch the Spirit of Freedom and Landluft" aus seinem Schlaf gerissen werden und diesmal richtig gefeiert werden. Zwei Tage Live-Musik vom Feinsten und jede Menge Besucherfreundliches drumherum wurden geplant und in die Tat umgesetzt. Wie bereits im vorigem Jahr setzten wir bei unserem diesjährigen Konzept auf die Reformierung des Umweltschutzes bei Großveranstaltungen. Im Jahre 1992 erarbeiteten wir mit der Joseph Beuys-Stiftung ein Abfallkonzept, bei der die Besucher dazu angehalten wurden, den anfallenden Müll vor Ort zu trennen und sämtliche Einwegmaterialien auf Pfandbasis wieder einzutauschen. Aus den gesammelten Reststoffen (Rückführung von 94 %) wurden Eierkartons hergestellt, die im Handel weitere Verwendung fanden. Im Jahre 1993 stiegen wir komplett auf Mehrwegbecher um. In diesem Bereich leisteten wir Pionierarbeit, da wir das Publikum im Jahr zuvor vorbereitet und sensibilisiert hatten. Die Anschaffung der Becher kostete uns ein Vermögen und verzehrte unsere kompletten finanziellen Reserven der Vorjahre.

Der sogenannte unzerstörbare Makrolonbecher wurde mit dem Logo des Jubiläums und mit einer Pfanderklärung bedruckt. Das Originelle an dieser Geschichte war zweifellos, das man im Vorverkauf das Ticket in Verbindung mit dem Becher bekam. Der Käufer konnte bereits in Vorfreude auf seiner Terrasse verweilen und aus dem umweltfreundlichem Gefäß trinken. Diese Idee sorgte für Furore und brachte unser Konzept und dessen Ziele in aller Munde. Das Ergebnis dieser Aktionen konnte man an den Festivaltagen bestaunen, da der Platz über die ganze Dauer der Veranstaltung so gut wie sauber blieb und jeder Probleme hatte, irgend etwas ungesehen auf den Boden zu werfen. Allgemein profitierte man von dieser angenehmen Situation und sah ständig das Resultat vor Augen. Außer den Platz sauber zu halten, passierte das eigentlich Spannende auf der Bühne. Bereits am Freitag spielten The Tragically Hip aus Kanada und Element of Crime mit anschließender Sause. Die Kanadier spielten in diesem Sommer nur 6 Festivals in Europa, Torhout & Werchter (Belgien), Glastonbury (England), Roskilde (Dänemark), Schüttorf und schließlich in Haldern. Lustigerweise existierte zu diesen 6 Terminen auch ein T-Shirt der Band, das uns unglaublich schien. Das T-Shirt zeigte im Klartext, das die Band auf den 5 größten Festivals in Europa, sowie auf dem kleinsten (Haldern) vertreten war. Die Kanadier waren zu Hause Superstars und füllen ganze Sportarenen. Hierzulande ist die Band trotz ihrer Live-Qualitäten sehr unbekannt. Element of Crime spielten damals vor mehr als 3000 Leuten deutschsprachiges Material. Als die Band gegen Ende der Show "Damals hinterm Mond" zum besten gab und selbiger sich am Himmel zeigte, legte sich eine spürbare Melancholie über den Platz.

Am darauf folgenden Tag beglückten uns die zappelnden Mexikaner "Maldita Vecindad" mit ihrem erfrischenden Groove. Immaculate Fools aus England und die Silencers aus Schottland glänzten durch Spielfreude und gut gemachten Folkrock, wobei die Silencers so offensichtlich Spaß an diesem Wochenende fanden, dass man zu dieser Band noch heute guten Kontakt hat. Die Hooters, in der Nacht zuvor aus Roskilde angereist, feierten ihre Wiedergeburt in Deutschland und zelebrierten ein Konzert der besonderen Art. Mit einem Koffer voller Gassenhauer spielten sie fast alles an die Wand. Philip Boa, sichtlich beeindruckt von den Amerikanern, hatte es zu Anfang sehr schwer, ähnlich zu glänzen, fand dann seinen Rhythmus und überzeugte gegen Ende des Konzertes seine Anhänger mit selten zur Aufführung gekommen Liedgut. Ein stressiges und gleichwohl beeindruckendes Wochenende ging zu Ende. Unterm Strich war dieses ein sehr teueres Happening, was unserem Finanzakrobaten Bagger einige Kopfschmerzen bereitete. Das Wetter und die Bands waren klasse, alles andere zu teuer. Schade!

Neuer Versuch, neues Glück!

Die Programmgestaltung für das Jahr 1994 erwies sich als unglaublich schwierig. Crowded House hatte bereits ihr Kommen bestätigt, mußten dann jedoch einen Rückzieher machen, da der Schlagzeuger überraschend die Band verließ. Wir gingen das Risiko ein, ein musikalisch exquisites Line-up zusammen zu stellen, ohne die derzeitige Popularität der gebuchten Bands zu berücksichtigen. Das Programm besaß keine Gassenhauer und der Stimmungsmoment lag eher in beschaulicheren Regionen. Bettie Serveert und the Nits aus Holland, mußten vor ihren Auftritten die gnadenlose Niederlage im Fußball WM-Spiel gegen ihren Nachbarn Belgien verarbeiten, den man sich gemeinsam Backstage anschaute. Unser holländischer Bühnenmanager Hein Fokker und seine Landsleute wurden von großer Trauer befallen, was man den späteren Shows trotzdem nicht anmerkte. Roachford, wieder einer der Musiker, der erst Monate nach dem Auftritt bei uns in die Charts kletterte, sorgte mit einem bombastischen Finale im Morgengrauen für einen grandiosen Schlußpunkt. Bobo In White Wooden Houses, Terry Hoax und die Muskeln komplettierten den Festivaltag, der im Nachhinein unter "Aktionären" und Zuschauern heftigst diskutiert wurde. Wir hatten wieder Geld verloren, trotz gutem Wetter. Die Stimmung war äußerst "bescheiden", angespannt und stand ganz im Zeichen der Ursachenforschung. "Bands kannte kein Mensch und bei den Hooters und Geldof war viel mehr Stimmung ...!" - "The Nits waren das wohl brillianteste und Beste, was dieses Pferdequadrat je gesehen hat ...!" - "Grönemeyer oder die Toten Hosen müßt ihr holen, wenn ...!" und andere Kommentare machten die Runde. Die Zusammenstellung der Künstler im Jahre 1994 war folglich geprägt von der Konzeption, Atmosphäre durch Stimmen- und Melodienvielfalt zu erzeugen und damit auf auf größere Akzeptanz beim Publikum zu stoßen. Es gab Leute, deren Begeisterung groß war. Andersherum waren auch viele äußerst gelangweilt und verstanden die Welt nicht mehr.

Die Meinungen drifteten stark auseinander, wobei wir es noch heute klasse finden, wie wir das damals gemacht haben. Einen Grönemeyer und die Toten Hosen können wir nicht bezahlen, es sei denn die Karten kosteten demnächst 120,- und das Bier DM 8,- Mark. Man überlegte, stritt und einigte sich auf eine weitere Zukunft des Festivals. Der Freitag mit der bekannten Sause wurde nun bis ca. 23.00 Uhr mit Live Musik angereichert, um das Publikum früher auf die Wiese zu bewegen. So passierte es, das die Camper mehr wurden und das Wochenende zum Happening tendierte. Unser Wunsch war es schon immer, die Sache als Ganzes zu betrachten, so das sich der Besucher auf ein komplettes Wochenende freuen konnte. Wir senkten die Preise und investierten kostenbewußter. Vornehmlich junge Künstler wie H-Blockx, Sun, Nationalgalerie, Oil on Canvas, Seven Day Diary und Dear Wolf mit teils aufsteigender Tendenz und geringeren Nebenkosten zählten zum diesjährigen Programm. The Jayhawks und Giant Sand befanden sich auf Europa-Tournee und konnten somit auch relativ preiswert verpflichtet werden. Element of Crime ist, seit dem Nieselregen-Auftritt im Jahr 1988, eine Sucht, von der wir uns nur schlecht trennen können. Das Wetter war die Apocalypse: Dauerregen, Schlamm und zu allem Überfluß eine geborstene Wasserleitung. Die Leute zelteten nicht am, sondern im See und die Grasnarbe verschwand im Sumpf. Es goss wie aus Kübeln, doch das Publikum strömte zum Festivalgelände, was die Musiker ebenso verwunderte wie uns. Schon ein Phänomen, bei solchem Scheißwetter Freitags 2000 und Samstags 3500 Besucher zu zählen. Die "Aktionäre" arbeiteten in diesen Tagen rund um die Uhr, um die Umstände so gut es ging zu mildern. Die Geschichten von abgesoffenen Festivals waren bekannt und machten die Runde, doch das Chaos blieb aus. Es geschah Wundersames an diesem Wochenende in Haldern. Von einem kollektiven Gedanken befallen, entstand eine sehr eigenartige und ausgelassene Atmosphäre, die Musiker, Veranstalter und auch Publikum gleichsam ansteckte. Nils Frevert, Sänger von Nationalgalerie, zitierte das Festival zwei Monate später in einem Fernsehinterview, als den persönlichen Höhepunkt des Sommers.

H-Blockx ließen bei ihrem Auftritt alle Widrigkeiten vergessen und kochten die Masse aus Schlamm und Zuschauern auf entsprechende Temperaturen. Der Regen hörte auf und Element of Crime begann. Die Kapelle aus Berlin zelebrierte einen völligen Kontrast zu den Münsteranern und zog ein abgekämpftes Publikum in ihren Bann, entführten die Durchnässten geradezu in eine andere Welt der Melancholie. Das war schon wunderbar, wie sich das scheinbar so ausweglose Wochenendes seinen erfolgreichen Weg bahnte. Folgekosten der Witterung schmälerten erneut unsere Kasse, und der Aufwand an Arbeit steigerte sich um ein Vielfaches, was den Blick in die Zukunft nicht gerade rosiger gestaltete. Irgendwie scheint das Projekt immer kostspieliger zu werden. Aber trennen möchten wir uns auch nicht davon. Mittlerweile bewältigen ca. 130 "Aktionäre", von Idealismus getrieben dieses Festival. Immer wieder steigen neue Leute ein und bringen frischen Wind ins Geschehen, andere wiederum steigen aus Zeitgründen aus oder stellen fest, das Werdegang und Strukturen nicht mehr mit ihrer persönlichen Vorstellung übereinstimmen. Das Festival in Haldern steht und fällt mit der Bereitschaft seiner Aktiven. Es gibt keine Satzungen oder ähnliche Reglementierungen, so dass über seine Zukunft nur Begeisterung und Interesse seiner "Aktionäre" entscheiden. Wenn der Spaß mal nicht mehr da sein sollte, wäre es müßig diese Tradition aufrecht zu erhalten. Solange man sich die Spannung und die Lust an guter Live-Musik und dem Drumherum bewahrt, wird es dieses Festival geben. Keiner der Organisatoren lebt von diesem Spektakel, dafür produziert es Geschichten und Erlebnisse, die den eigentlichen Reiz ausmachen. Viele der hier auftretenden Musiker spürten, mit wieviel Engagement und Liebe zum Detail organisiert wird, und dass in den entscheidenden Augenblicken auch die erforderliche Professionalität vorhanden ist. Popmusik ist Kommunikation, und die vollziehen Publikum und Bands alljährlich auf eine ganz persönliche Art und Weise. Für uns stand dem kommenden Festival 1996 nichts im Wege, auch das Wetter konnte sein wie es wollte.

Es war wie es wollte und die Vegetation dankte mit einem satten Grün.

Musikalisch sicherlich ein Festival der geschichtsträchtigen Art. The Afghan Whigs zelebrierten ein beseeltes Konzert der Superlative. So zweitrangig fühlte sich das Wetter wohl niemals zuvor in Haldern. Greg Dulli trocknete das Gemüt und belohnte das Publikum. Tocotronic, Blumfeld und Rekord brachten die Leutchen auf die richtige Spur. Am Samstag begann Samba gefolgt von Marion und der Dave Matthews Band. Letztere sorgte für eine weitere Überraschung, der Amerikaner erzeugte Sprachlosigkeit auf dem durchnäßten Reitplatz und ließ ein düpiertes Publikum zurück. Danach war es für Wolf Maahn, The Bluetones, Selig und The Walkabouts nicht ganz einfach nach diesem Inferno auf ihre Kunst aufmerksam zu machen, was ihnen dennoch gelang. Dave Matthews spielte einige Konzerte mit Neil Young in Europa und konnte somit zwischen Konstanz und Brüssel in Haldern auftreten. The Afghan Whigs reisten bereits am Donnerstag an und wir erlebten sie als eine sehr angenehme und liebenswerte Band, Amerikaner die was wußten und sich für Dinge interessierten. 1996 zeigt uns, dass der Weg die Überraschung zu suchen und die Besucher für das Ungewöhnliche zu sensibilisieren, der richtige Weg des Open-Airs in die Zukunft ist. Es müssen Götter bemüht und Sponsoren gefunden werden, denn der Idealismus, im Auftrag der Kunst unterwegs zu sein, wird teuer und den Aktionären summasummarum immer schwerer erklärbar. Was passiert hier eigentlich, die Künstler mögen das Festival, Petrus scheint andere Prioritäten zu setzten und die Finanzen sehen ähnlich mitgenommen wie der Reitplatz aus.

1997, Schalke holt den UEFA Pokal und Midnight Oil bestätigt Haldern.

Richtig, beides kann nicht gut gehen, also cancelten die Australier ihre Europa-Daten kurzfristig wieder und wir reagierten, wie Oma, wenn sie auf die Schnelle was aus Blutwurst, Boskop und Kartoffeln kochen sollte, mit einem "Himmel & Erde"-Festival. Aus der Not eine Tugend und aus Midnight Oil die Sterne, das war die Maxime für das Improvisationsfestival in diesem Jahr. Wir gründeten die Initiative "Lebendige Kulturstadt Rees" und fanden mit der Stadtsparkasse Emmerich-Rees, Novoferm, Druckerei Bonert, Schreinerei Legeland, Hanna Music und der Stadt Rees, Unternehmen die den Fortbestand des Festes auf dem Reitplatz sicherten. Mit einer reduzierten Variante des Gagen-Etats wollte man auch den eigentlichen Stellenwert des Festivals testen. Was, außer dem Regen, hatte Bestand und wie viele Leute kommen für das eigentliche Happening? Spannende Fragen und kleine, aber gute Namen sorgten für eine Regeneration, eine Diät und Entschlackung. Sauwetter und über 2000 Mit dem Slogan "Bekennende Landeier bitten zum Pop in die Provinz", und den Bands Acid Rain, All Fools Day und Verge O.D. aus der Region, sowie Niels Frevert, Darmstaedter, Trance Groove, Die Sterne, Naked Lunch, Pothead, Phonoroid und Readymade gelang die Gratwanderung, gut zu unterhalten und doch die Idee nicht aus den Augen zu verlieren. Die finanzielle Situation hatte sich stabilisiert und Haldern die Feuertaufe als eigenständiges Festival bestanden. Mit großer Motivation ging noch in diesem Jahr die Suche nach einem Sponsor los, einem Unternehmen der Region, das ähnlich wie wir, mit der Liebe zum Niederrhein als konzeptionellem Bestandteil seiner Unternehmens-Philosophie verbunden ist. In der Privatbrauerei Diebels fand man genau den ersehnten, loyalen Partner.

360 Tage träumen , 5 Tage aufräumen , Haldern 1998

Mit einer bundesweiten Campagne bewirbt die Privatbrauerei Diebels das 15. Festival in Haldern und praktiziert damit "kulturellen Artenschutz©˜. Künstler wie Heather Nova, Guano Apes, Kent, Hothouse Flowers, Addict, Fischmob, Vivid, Gautsch, Readymade, Irony of Fate und Frugal garantieren einen zeitgemäßen Querschnitt guter Popmusik. Die Karten gehen gut und wir stellen erste Mechanismen in einer trendhysterischen Pop-Welt fest. Der Popstar geht in die Charts und die Hintermänner arbeiten schon am "Best off", was bleibt ist keine Zeit und neue Impulse bitten um Einlass in die schimmernde Welt. Dieser atemlose Zustand bringt uns auf die Idee, das Festival der Heroine des Sechzigerjahre-Schlagers, Alexandra und dem gerade im Missisippi ertrunkenen romantischen Singer-Songwriters Jeff Buckley zu widmen. Zwei Lebenswerke, auf die wir in diesem Rahmen aufmerksam machen möchten.

Es gibt erstmals den "Vollmilch ´98" Sampler mit Stücken der auftretenden Bands, einem Song von Jeff Buckley und Element of Crime, die ein Stück von Alexandra interpretierten. Die Privatbrauerei zeigt Fingerspitzengefühl, unterstützt uns bei der "Vollmilch" Idee, und lässt sie zum festen Bestandteil des Projektes werden. Das Wetter war sehr gut und Petrus scheint Altbier zu mögen. Mit den Hothouse Flowers betrat ein sehr alter "Haldern-Wunsch" die Bühne und zeigte uns was beseelte irische Musik noch immer bewegen kann.

Ein alter Sessel ziert motivisch das 99er Festival.

Dieses Foto schoß Christoph Buckstegen am Rande des "Free-Concerts" der Smashing Pumpkins im Mai 98 auf der Hamburger Reeperbahn. Das unscheinbare Möbel hielt die Garderobentür der Band im Docks offen. Pop-Musik in Stadien sperren ist wirtschaftlich, sie an Orte zu bringen, an denen keiner mit ihr rechnet, ist gut. Volle Kanne Pop. "Fernab allum grassierender Festivaluniformität, unter alten Eichen in den sattgrünen Auen des träge dahinströmenden Niederrheins, hält nun schon seit sechzehn Jahren ein wackeres Häuflein von ca. 130 "Aktionären" eisern am originellsten Festivalkonzept der alten Welt fest,... " so begann der PR-Text im Jahre 99. Haldern hatte seine Nische gefunden. Pop-Musik hat ein Zuhause. James exklusiv in Haldern; wieder findet ein lang gehegter Traum seine Umsetzung. The Beta Band tritt erstmalig in Deutschland auf (exklusiv). dEUS, Zita Swoon, Muse, Gay Dad, Tocotronic, Blumfeld, Pussybox, Fruit, Soundtracks Of Our Lives, Ozark Henry, Readymade und Sportfreunde Stiller spielten bei gutem Wetter und ließen erstmals das Festival im Jahrespoll (Visions u. Intro) unter die 10 besten Festivals aufsteigen. Das Erstaunliche daran ist, das die anderen Festivals Besucherkapazitäten von ca. 35.000 (Bizarre) bis 70.000 (Roskilde)haben, und Haldern mit ca. 5000 Besuchern die große Ausnahme bildet. Es scheint jede Menge Leute zu geben, die es zu schätzen wissen, im übersichtlichen Szenario von alten Eichen, Wasser, grüner Wiese und packender Pop-Musik ein Wochenende zu verbringen.

Die herzzerreißenden Auftritte von Zita Swoon und Soundtracks Of Our Lives boten das Maß an Leidenschaft, das alle Mühen rechtfertigt. Die Süddeutsche Zeitung rezensierte in großer Wertschätzung, ein Journalist sprach hinter den Kulissen von einem Requiem der Pop-Musik und würdigte positiv die Dramaturgie der beiden Tage. Der Vollmilch-Sampler 1999 erschien zum Weihnachtsfest und beglückte die Leute fast ziemlich genau zum heiligen Abend.

Ungewöhnliche Ideen führen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Das mit Beck und seinem verstorbenen Großvater Al Hansen war so eine merkwürdige, aber durchaus interessante Erfahrung für uns alle. Im Frühjahr 1999 erzählte Markus Bublitz uns von der Idee, Beck mit seiner Ausstellung im Rahmen der Popkomm nach Köln zu holen. Wir griffen das Thema auf und diskutierten mit Thorsten König, dem damaligen Produktmanager von Beck, das Ganze origineller und ortsbezogener zu halten. Unsere Idee war nicht Köln, sondern der Niederrhein, genauer gesagt das Museum Schloss Moyland. Der uns bekannte Musiker Beck ist der Enkel des Fluxus-Künstlers Al Hansen. Beide schätzten ihre Arbeit, Enkel Beck versuchte sich schon vor der Musik an Bildender Kunst und schuf sehr wilde Collagen. Inspiriert durch seinen Großvater, den er des öfteren in Köln besuchte, entstanden Arbeiten des kleinen Mannes aus LA. Ein kanadischer Kurator kuratierte nach Al Hansens Tod eine Ausstellung mit Arbeiten beider Künstler unter dem Namen "Playing with Matches" Beck & Al Hansen. Die Ausstellung wanderte erfolgreich durch Amerika, Kanada und Japan. Künstlerische Überschneidungen zu Lebzeiten von Joseph Beuys und Al Hansen ließen in uns die Idee reifen, die Dinge sinnvoll miteinander zu verbinden. In Kooperation mit der Privatbrauerei Diebels, Terratec, der WESTZEIT und dem Museum Schloss Moyland wollten wir die Ausstellung erstmalig nach Europa, sprich an den Niederrhein holen. Angelehnt an die FluxusIdee, planten wir die Eröffnung, unter Teilnahme von Beck, als Happening zu gestalten. Nach umtriebigen Verhandlungen mit jeder Menge in- und ausländischer Instanzen kristallisierte sich der 12. März 2000 als Eröffnungstermin heraus.

Beck fand das Ganze zunehmend spannender und schlug vor, gemeinsam mit seinem Bruder Channing ein altes Klavier vom Schlossdach zu werfen. Gesagt getan, die Ausstellung wurde eingeflogen, Beck warf mit seinem Bruder das Klavier vom Dach des Schlosses und taufte die Aktion "The Yoko Ono Piano Drop". Die vorangegangene PR-Konferenz wurde von ca. 320 Journalisten besucht. 16 TV-Teams, unzählige Radiostationen und Printmedien verfolgten das viel diskutierte und polarisierende Happening. So ruhig der Tag begann, um so chaotischer entwickelte er sich. Mehr als 3000 Besucher wohnten der Eröffnung und dem Klaviersturz bei. Die Verantwortlichen des Museums schienen merklich überrascht, da sich ab einem gewissen Punkt die Veranstaltung verselbständigte und die Dinge sehr unkontrolliert von statten gingen. Das war Fluxus, wurde uns später von kompetenter Seite erklärt. Anschließend gingen wir alle bei Rösen in Rees Grünkohl essen und die Hansens nebst Beck genossen das niederrheinische Traditionsgemüse. Das Medienfeedback war gigantisch und Herr van der Grinten vom Museum Schloss Moyland sprach nach der Veranstaltung von diesem Spirit der 60er, den man allgegenwärtig spüren konnte.

Respekt vor der Freizeit.

Die Geschichte vom kleinen Glück beginnt nicht selten mit dem Schritt zurück. Wo komm ich her, wo will ich hin, wo bin ich glücklich, der, der ich bin. Es gibt da Plätze, man glaubt es kaum, Sie bieten dem seltsam Schönen den nötigen Raum. Pop-Musik und Lust auf Sachen, die erklärter Weise Freude machen. Es bedarf der grünen Wiese, kleinem Zelt und der Luise, um zu entspannen von all den Dingen, um die wir täglich nutzlos ringen ...

Mit diesem Gedicht und alternativer Pseudoprosa wie ....

"Hier kokettiert der schlichte Gedanke mit der ländlichen Romantik.

Das gesunde, leckere Butterbrot flirtet mit dem globalen Jetlag. Es sind die Parallelen die Grenzen aufheben. Es regiert der Kontrast zwischen "heimatlosen" Popstars und bodenständigen "Landeiern", deren heimliche Ziele im Grunde genommen doch die selben sind. Wenn alle sich an dem Gemeinsamen berauschen, und das Gefühl für das Wesentliche die soziale Uniformität aufhebt, dann haben wir endlich was wir wollen: gemeinsames Glück.

Diese PR-Texte spiegeln in spielerischer Forn wieder, was wir als Aktionäre so alles mit diesem Festival verbinden. Was macht es spannend und unterhaltsam, und woraus speisen sich die Motive, das Ganze weiter zu entwickeln? Die Musik bildet das Rückgrat und die "Aktionäre" füllen die Ideen mit Leben, das Publikum und die Landschaft sind unser Kapital. Seit ca. 21 Jahren arbeiten wir an dieser humanistisch-subkulturellen Pop-Festivität und lernen jedes Jahr dazu. So kompliziert vieles zu Anfang wirkte, um so einfacher wünscht sich das Publikum die Umstände. Unsere Erfahrungen zeigten uns, dass man die schönen Dinge nicht kaufen und die wunderbaren Momente nicht planen, aber mit einem gewissen Fingerspitzengefühl die Voraussetzungen dafür schaffen kann. Respekt vor der Freizeit. Dieser Gedanke ist die Maxime des Festivals und wird vom Publikum auch so verstanden, er ist Programm auch für das 17. Halderner Open Air Festival. Ein gut gelaunter Paul Weller fühlt sich herzlich aufgehoben und gibt alles. K's Choice sowie Heather Nova feierten kleine Premieren und konvertierten ihr Lampenfieber in Spielfreude.

Alle auftretenden Künstler verband diese ungebändigte Lust am Musizieren und eine uneingeschränkt positive Einstellung zum Ganzen. Alle attestierten dem diesjährigen Publikum ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Offenheit, was zu diesen außergewöhnlichen Auftritten von Embrace, Soulwax, Madrugada, Johan, Caesar, Sportfreunde Stiller, Reamonn, Tom Liwa, Bauer, Reef ... führte. An dieser Stelle sei erlaubt, den wohl geschichtsträchtigsten Moment des Festivals zu erwähnen, Kashmir. Das Finale der vier Dänen überkam uns wie ein Lottogewinn, wie ein Schalker-Tor in der Nachspielzeit einer ohnehin guten Partie. Wie viele Kerzen muss man anzünden, um so was zu erleben. Im Rahmen der popkomm organisierten wir erstmalig mit der WESTZEIT den Holland-Abend im ausverkauften Aceton. Mit Bettie Serveert, Johan und Caesar spielte gleich die komplette Offensivabteilung der holländischen Popfraktion in Kölle. Irgendwie war es alles doch sehr klasse und zur allgemeinen Freude haben The Waterboys, am 20. November den würdigen Abschluss des Jahres 2000 in Rees zelebriert. Wieder lieferte das Christkind pünktlich zum Fest, diesmal als edles Digi-Pack, den Vollmilch-Sampler 2000. Die Dinge nehmen Ihren Lauf und wir freuen uns auf den August 2001.

Das war Haldern 2001

"Wer bei Regen Sonnenmilch kauft, weiß, daß der Stuhl zuerst ein Baum ist". Ausverkauft.

Das erstaunlich positive Fazit des 18. Halderner Open Air Festivals hat vielschichtige Gründe. Zum einen bedankten sich die auftretenden Künstler für das aufgeschlossene und aufmerksame Publikum und die deshalb wunderbare Atmosphäre, zum anderen erfuhren wir von euch eine nie dagewesene positive Resonanz auf die zwei Pop-Tage am Niederrhein. James Walsh von Starsailor zeigte sich derart beeindruckt, daß er den Auftritt wie folgt zitierte "Ich glaube, das war eins der schönsten Konzerte, die wir je gegeben haben. Das Publikum war sehr alternativ, sehr offen, nicht so wie bei den großen Festivals, wo die Leute nur hingehen, um sich zu betrinken und sich Marilyn Manson anzuhören ...".

Wunschkind

Neil Finn sprach von einem "Magic place for Music" und Travis schwärmten von der gemütlichen Stimmung und der bewahrten Ursprünglichkeit auf diesem kleinen Reitareal. Wieder anderen galt der Akustik-Set der Turin Brakes im Zelt als Höhepunkt und veranschaulichte, welche eindringliche Wirkung spartanisch, und damit prägnant dargebotene Musik hinterlassen kann. Mit Wunschkind, den "pädagogischen Trümmerkindern" einer moralisch anspruchsvollen Ära, rockten die lokalen Helden als erste Band am Freitag das Zelt. Die selbsternannten "Artfucker" Coem und das Genter Punkpop-Trio Starfighter belegten unser Belgien-Faible und erweiterten manch geschmackliche Horizonte. Den Freitag eröffneten Blackmail, die vier Koblenzer sogen das gerade eingelassene Publikum sofort zur Bühne. Die blutjungen Krezip repräsentierten Holland völlig unbekümmert und lust- und kraftvoll. Als dann die mit Spannung erwarteten The Divine Comedy die Bretter betraten, fuhr allen das kompliziert arrangierte und sehr melodiöse Werk der Briten sprichwörtlich unter die Haut. Mit ihrem Hit, Perfect Lovesong, den sie uns großzügig für unser eigenes Trailer-Video zur Verfügung stellten, begeisterten sie ein mitsummendes Publikum. JJ72 und Muse quälten die Gitarren, aber nicht die Leute, ein Röhren-Feuerwerk, sie legten Feuer und entspannten sich im nachhinein am selbigen. Der geradezu an eine Las-Vegas-Revue erinnernde Auftritt der schönen, hiphop-inspirierten Kelis führte zwar bei manchen zu Unverständnis, bei anderen zu heller Begeisterung.

Dieser Genuß polarisierte. Mo Solid Gold nahmen diese künstlerische Herausforderung an und bedankten sich mit ihrem energiereichen und beseelten Auftritt zu später Stunde. Sie trafen auf ungewöhnlich viele Ohren und frenetischen Applaus. Die Band feierte ihre Sternstunde später noch ausgiebig. Mit Band "folkte" erstmals Josh Joplin in Haldern. Zusammen mit das Pop und Coem hatte er am 10. Mai noch solo auf der PR-Konferenz im Saal Tepferdt seine Deutschland-Premiere gespielt. Ein intimer Akustik-Gig vor einer Handvoll Journalisten und dem Gros der Aktionäre. Nun war er der Opener auf der Hauptbühne - vor sich schnell verdichtenden Reihen. Impulsiv und heftig erlebte eine sehr glückliche Band ihren ersten europäischen Festivalauftritt. Grandios. Es folgte ein weiteres Novum für den deutschsprachigen Raum, Santa's Boyfriend, die Band um Stings Sohn Joe Mendes, die nur so vor Vitalität und Spielkunst strotzte. Ähnlichkeiten in der Erscheinung und Stimme des berühmten Vaters sind nicht zu leugnen, vielleicht waren wir Zeugen einer vielversprechend beginnenden Geschichte. Aus Ingolstadt reisten die viel begehrten Slut an und stürmten aus dem Stau direkt auf die Bühne, was aber der Qualität des Auftritts keinen Abbruch tat. Die ersten Gesichter bekamen diesen seligen Glanz in den Augen und das sollte nun der Anfang eines hinreißenden Tages werden. Kante und Phoenix führten mit atmosphärisch begeisternden Auftritten die stille Magie spielerisch fort und übergaben den Staffelstab beseelter Unterhaltung an Altmeister Neil Finn.

JJ72 JJ72

Bei dem Neuseeländer fühlte man die Lust am Musizieren und Improvisieren. Mit Stücken von Crowded House und seinen Solowerken unterhielt und fesselte er auch den jüngeren Teil des Publikums. Spontan erzählte er die interessante Begebenheit mit unserem Pizza-Bäcker-Unicum "Beppo", der ihm mittags ein Stück Pizza zum Probieren anbot, und Finn das Stück lächelnd genoß, worauf Beppo ihm eine ganze Pizza in die Hand drückte. Der ahnungslose Beppo war sichtlich überrascht, als Neil Finn ihm später ein Lied widmete, da er keinen Schimmer hatte, wem er die Pizza schenkte. Die spürbare Spannung war an Dramatik nicht mehr zu übertreffen, als Starsailor die ganz in Blau getauchte Bühne betraten und in sehr reduzierter Form ihr noch relativ unbekanntes Liedgut in die Menge streuten. Dieses Konzert sollte Geschichte schreiben es verzauberte gleichsam sich selbst, wie auch die andächtigen Zuschauer. Diese bis dato unbekannten Perlen brannten sich in die Erinnerung ein und hinterließen ein sprachloses Publikum. Es ist einfach wunderbar, wenn man die Aufmerksamkeit der Leute fesselt, ohne die Bühne in Brand stecken zu müssen oder sich auszuziehen. Als zum Finale Travis das Podium betraten, jagte ein Hit den anderen und zwang ein seliges Publikum, mitzusingen und im Klang abzutauchen. Auf diesem kleinen Platz irgendwo am Niederrhein so einem großartigem Moment beizuwohnen dürfen, machte glücklich und stolz zugleich. "Danke. So soll es sein." Das Zitat von Sven Regener, nach ergreifenden Momenten seiner Konzerte. beschreibt solche Augenblicke am treffendsten.

Hinter der Bühne spielte man Fußball und entspannte sich am Feuer. Eine Mischung aus An- und Entspannung führten zu dieser wohltuenden Stimmung, die sich dann auf der Bühne zu erstaunlichen Konzerten entlud. Keine Gleichgültigkeit oder Pflichterfüllung, sondern der Wunsch, auch etwas Besonderes zu tun, führte zu fantastischen Momenten des 18. Festivals. Die Idee des Happenings, an seiner geographischen Größe und Lage nichts zu verändern, allerdings in der Dramaturgie der musikalischen Konzeption den eigenständigen Weg weiterzugehen, scheint zu funktionieren. Unser ebenso einfaches wie bewährtes Konzept, einem interessierten Publikum gute Musik in entspannter Atmosphäre zu präsentieren, trägt Früchte. Es kristallisiert sich immer deutlicher heraus, das unser größtes Kapital, die Festivalgäste, genau das an Haldern verinnerlichen und schätzen. Die Auswahl der Künstler ist ein Argument, aber die Art und Weise wie sich die Qualität der Musik zur Größe der Veranstaltung verhält und zu einem herzlich erfrischendem Ganzen vereint, das Maß der Dinge. Die Konstanten von Haldern sind seine überschaubare Größe, seine leidenschaftlichen unabhängigen Protagonisten und die musikalische Ausrichtung.

Muse Starsailor

Das über die Jahre gewachsene Vertrauen der Frischluft-Pop-Enthusiasten ermutigt uns in unserer Experimentierfreude und etabliert Haldern als Marke, die sich in kleinen Schritten dem großen Ziel nähert: Unabhängigkeit von Trends und künstlich erzeugter Nachfrage. Zwar ist das Festival im Laufe von 19 Jahren in seiner Größe erwachsen geworden, aber in seiner Entwicklung zur "Marke" sicher noch zu optimieren. Ort und Umfang des Happenings bleiben in ihren Grundfesten unantastbar und doch wird im Detail gefeilt.

Es ist immer wieder spannend, sich mit liebenswerten Kleinigkeiten zu beschäftigen und dem drohenden Hype-Spektakel mit alltäglichem zu begegnen. Wir glauben, dass Haldern ein guter Platz ist, für die Musik, die Leute und das kleine Glück. Feuer - Wasser - und packende Popmusik.

"Kurze Wege und geradliniger Kontakt zum Elementaren reduzieren unsere vielfältigen Ansprüche auf das Wesentliche. Es liegt eben in der Natur des Menschen, so manches zu wollen, aber nur wenig zu können, daher reduzieren wir das Angebot und vereinfachen den lästigen Entscheidungsprozess zwischen Tief-Fallen-Lassen, Bühne 1 bis 15 und rückwärts gehüpft werden. Eine Bühne - ein Leben."

Wir haben längst viertel nach 12, wie bringen wir jetzt die Qualität bis zum nächsten Quantensprung des windkanaloptimierten Schwachsinns über die Runden. Der Euro kommt, Europa geht. Eine rapide Beschleunigung der Monokultur unterwandert mit Fast Food, Privatfernsehen und strategischer Weltwirtschaftlichkeit eine eigenständige Kultur. Wenn wir wissen, das man Salat nicht digitalisieren und zwischenmenschliche Schwierigkeiten nicht in Talkshows diskutieren kann, werden wir zum Feuer machen wahrscheinlich wieder Steine aufeinanderschlagen. Die Foren spannender Musik fallen eines nach dem anderen einem trendhysterischem, der Ökonomie verpflichtetem Diktat zum Opfer. VIVA 2 verläßt die Bühne und die Vernetzung der Industrie mit ihren ewig jungen Konsumenten und alljährlichen "Popstars" regieren den "mono"mentalen Wahnsinn.

Travis

Es werden Leute aus Containern gemobbt und zu unserem persönlichen Speichelfluß in Talk-Shows wiederverwertet. Die Medienmaschinerie recycelt perfekt und unser winziges Dasein wird mit "Vollpfosten" kontrastiert. Diese "Privat"-Tugenden betreiben merklichen Raubbau an einem "wertvollen" gesellschaftlichem Interesse, dem Persönlichkeitsrecht. Das Schlachtfeld der Unterhaltung opfert die letzten kleinen Geheimnisse des Lebens und jedes Tabu wird zwecks Quotenerhaltung zur Schlachtbank geführt". Glauben wird durch halbwissen ersetzt und die Konsequenz der industriellen Arroganz, verdrängt die liebenswerte Kleinigkeit. Das digitalisieren unsere Gesellschaft führt zum klinischen Tod der selbigen aber dieser, so versichert uns die wissenschaftliche Gentechnik, kann in Zukunft dauern.

Es ist und bleibt wohl eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, spannend zu unterhalten, ohne den Respekt vor der jeweiligen Privatsphäre zu verletzten.

Ist das nicht alles schrecklich aber vielleicht ist ja der ein oder andere von uns verliebt oder hat einen Hund, nur Schumi wird's nicht richten.

Damit wir alles wieder verstehen rufen wir hiermit die Renaissance des Kleinen aus und freuen uns über übersichtliches und nachvollziehbares.

Die Macht des kleinen beherbergt das Unabhängige und den Spielraum für unterhaltsame Eigenwilligkeit. Wir alle haben einen Traum, Haldern 2002 ist der unsrige.

Klein gedacht - gut gemacht.

Am 16. August veranstaltete Haldern in Kooperation mit dem Muziek Centrum Flandern im Rahmen der Popkomm den FLANDERN & THE GLORIA Abend. Ein kurzweilige Beschreibung von Linne erklärt hierzu alles wesentliche.

"Kreative Explosion war Popkomm Highlight

Vor dem Hintergrund einer wenig optimistischen und wirtschaftlich stagnierenden Popkomm 2001 war die Nacht der flämischen Popmusik im Kölner Gloria-Theater ein unbestrittener Höhepunkt mit dem breitesten Pressecho - bei harter Konkurrenz! Fast 800 Fans und Branchenleute hängten sich ihre Ticket-Pässe um und drängten am Donnerstag dem 16. August in das rotplüschige Gemäuer um Zeugen eines musikalischen Defilées der Extraklasse zu werden, das noch bis 4 Uhr einen gut gefüllten Saal begeisterte.

Ein ehrgeiziges Programm von sechs Bands (plus Electronoica-Hexer Styrofoam in den Umbaupausen) und queerbeet durch die Pop-Genres nahm die ehrwürdigen Planken unter die Sohlen. Programmatisch eröffneten Das Pop den Reigen mit einer Glitzer- Show des postmodernen Eklektizismus, wie er auch von MAURO, wenn auch mit anderen Mitteln umgesetzt wurde. Emotional intensiv interpretierte der Ex-Evil Superstar mit dem Menjou-Schnäuzer die Essenz aus 20 Jahren Rockgeschichte. Einen Stromausfall meisterte er mit souverän und akustisch an der von Mitsingern umlagerten Bühnenkante, das er anschliessend stromverstärkt zum lange beklatschten Finale brachte. Mein persönlicher Held des Abends. Starfighter machten ihrem Namen alle Ehre mit einem rasanten Parforceritt durch die Garage - laut, präzise und schnell. Im Gedränge vergaßen sie, die schon im Halderner Zelt begeisterten, völlig ihren Hit "Beautiful Machine" zu spielen. COEM, nach Haldern und Gloria unisono (u.a. als "die neuen Radiohead aus Flandern") abgefeiert, präsentierten ihren vertrackten, intelligenten Gegenentwurf zum britischen Popeintopf und besiegelten noch nachts einen französischen Vertriebsdeal plus Sandy Dillon-Support im Brüsseler Botanique.

Dead Man Ray, das Quartett um den Grandseigneur der Antwerpener Szene, Rudy Trouvé, intonierte mit vier Gitarren und Drums eine loopige Zitatensammlung aus Americana und melancholischen Erinnerungen, die vom immer noch gut gefüllten Saal intensiv bejubelt wurde. Als gegen halb vier endlich die langerwarteten Buscemi auf der Bühne standen, und vor der Bühne die Leiber der Schlaflosen zum jazzy Brazilgroove zuckten, kam das Ende schnell: Dem Saaleigentümer war es zu laut, der Mixer blieb stur, die Sicherung klackte. Buscemi mussten sich mit einem Freitagnacht-Anschluss-Gig im Museum Ludwig trösten und ein erschöpftes, aber wie die E-Mail-Resonanz zeigte, begeistertes Völkchen ergoss sich auf die schlafende Apostelnstraße. Muziek Centrum Vlaanderen, WESTZEIT und das Haldern Festival danken allen die kamen, und freuen sich über eure E-Mail-Kommentare zum Abend. Die ersten zehn Einsender freuen sich auf ein knallrotes WESTZEIT-T-Shirt: "preiswert & sexy".

Gemeinsam mit der Privatbrauerei Diebels präsentiert Raum 3 auch in Zukunft kulturelle Highlights in unserer lebens- und liebenswerten Niederrhein-Region. Dieser markanten europäischen Flusslandschaft, die immer wieder malerische Kulisse und Kontrast für leidenschaftliche Konzerte, diskussionswürdige Kunsthappenings und durchaus respektable Freizeitgestaltung bietet, und damit, so erdverbunden ihre Bewohner auch sein mögen, so viel Weltoffenheit dokumentiert.

Wir danken hiermit speziell allen auftretenden Künstlern, Technikern, Tourbegleitern, Busfahrern, Köchen, und natürlich der Crew von Media Spectrum (Dirk & Shorty), die vor 17 Jahren ihr erstes Bühnendach in Haldern aufbauten. Dank gilt auch Johannes Wessels, der uns diesen unglaublichen Holländer "Hein Fokker" als Bühnenmanager empfahl. Hein ist die gute Seele und der Bezwinger aller Stresssituationen. Wir danken auch denjenigen, die unsere Naivität und Begeisterung für das Geschäft angenehm empfanden und mit uns kooperierten. (Hier fühle sich angesprochen, wer will.) Hallo Angela, wir versprechen dir, nie wieder stilles Wasser mit Mineralwasser zu vertauschen. Die Zusammenarbeit mit allen Agenten, Produktmanagern, Plattenfirmen und Journalisten war uns eine große Freude, was wir auch für die Zukunft hoffen. Zum guten Schluß nochmals ein herzliches Dankeschön allen Gönnern, Besuchern, Sponsoren und den Einwohnern von Haldern, der Familie Schweckhorst, den Anwohnern der Lohstraße, dem Gerd Scholz, Mackel Herbst, Theo Mölder, der Feuerwehr Haldern, Malteser Hilfsdienst, Christoph Blümer, Familie Klompenhauer, der Stadt Rees, Unic Security Service aus St.Goarshausen und allen anderen, die auf irgendeine Art zum Gelingen beitrugen. Ein ganz, ganz großes Dankeschön sagen wir den Unternehmen R. SCHÖTTLER (Bauunternehmung) und MOBAU Haldern (Baubedarf). Sie haben uns über die vergangenen Jahre alles Erdenkliche kostenlos zur Verfügung gestellt und standen in brenzlichen Situationen ständig zur Verfügung. Es war einmal ein Kaplan, einige werden ihn noch gut kennen, der in den Siebzigern die Basis für all das soeben Gelesene schuf, Willy Olschewski. Er baute in Haldern eine Jugendarbeit auf, die uns vor Langeweile bewahrte und uns zur Eigeninitiative antrieb, von der wir heute noch profitieren und für die wir uns jetzt richtig bedanken wollen. Einen schönen Gruß an den Bodensee!

Wer das Leben durchschaut, ist des Märchens nicht wert!

2002

Und weiter gings, nicht mit einem Festival der Superlative, aber mit einem wohligen Gefühl nicht zuviel versprochen zu haben und jedem das Gefühl gegeben zu haben, sein persönliches Festivalerlebnis destillieren zu können.

Für Haldern liegt der besondere Qualitätsanspruch darin, sich mit raffiniertem Augenmaß und einer unterhaltsamen "Ökonomie der Mittel" ein Publikum zu erschließen, das für die Musik lebt und dessen Aufmerksamkeit das Glück eines jeden Musikers bedeutet.

Auch freut uns sehr, dass die Medienwelt uns immer größere Aufmerksamkeit widmet und dass unser Festival auch außerhalb Deutschlands immer mehr Liebhaber findet. Journalisten aus Schweden, Lettland, Österreich, Belgien, Holland, England, Italien, usw. besuchten Haldern und fuhren mit ihrem ganz persönlichen Haldern-Erlebnis nach Hause, der Geschichte einer kleinen Idee und ihrer langfristigen Auswirkungen. Der europäische Gedanke fasst Fuß, mit dem Schwerpunkt auf regionalen, musikalischen Kurzgeschichten. Aber die breite Presse-Resonanz der vergangenen Jahre weckt bei manchen auch die Sorge, dass das die kleine niederrheinische Pop-Oase die Tore zum Ausverkauf öffnet und die Tage unabhängiger Popkultur unter knorrigen Eichen gezählt sein könnten. Doch keine Sorge: Mit dem Erfolg des Festivals bleibt nicht automatisch auch die Idee auf der Strecke und was funktioniert, muss nicht zwangsläufig in Kommerz münden. Stattdessen findet unsere Formel eines gelungenen Festivals immer mehr Freunde und auch die Medien legen ihren Fokus immer mehr auf das Wesentliche an Haldern - die Musik. Das Festival hat schon jetzt sein Besucherlimit erreicht und wird in Zukunft qualitativen Aspekten feilen.

Haldern 2002 hat eindeutig bewiesen, dass es nach dem Erfolg des Jahres 2001 weise war, auf trendunabhängige Künstler zu setzen. Mit dem Motto "Schnell geht einem langsam auf die Nerven. - Respekt vor der Freizeit" entwarfen wir unser persönliches Gefühl für die dramatischen Entwicklungen einer flüchtigen Welt im Zeitraffer. Für Haldern wurde uns klar: die Rolle des Einzelnen ist ebenso wichtig wie die Aufgabe als Ganzes. Ihr Zusammenwirken zeitigt das Ergebnis: intensives "Erlebnis".

"Eine These und das ganze Geheimnis ...

Man fand heraus, daß sich die Harmonie und Ästhetik des Freiburger Münsters in dem bis ins kleinste Detail aufgelösten "Goldenen Schnitt" begründet. Der Ergonomie abgerungen und fixiert, steht der "Goldene Schnitt" für die optimale Verhältnismäßigkeit aller beteiligten Formen und ihrer Größen zueinander.

Bereits die alten Griechen verwandten diese gestalterische Rezeptur und auch Dürer und da Vinci arbeiteten, unabhängig voneinander, nach der ästhetischen Formel einer natürlichen Schönheit.

Übertragen wir diesen Gedanken aus der Kunst auf das alltägliche Zusammenspiel funktionierender Gemeinschaften, so ist die Fähigkeit des Einzelnen kein festes Maß, vielmehr eine zu alle beteiligten Personen in Abhängigkeit stehende Größe.

Ein Teil des Ganzen zu sein und das besondere des anderen zu respektieren führt zu der gewinnbringenden Formel eines funktionierenden Projekts.

Alle Konzepte bleiben graue Theorie, und werden erst dann mit Leben erfüllt, wenn ein harmonisch proportionales Miteinander das gemeinsam erfasste Ziel als Basis bezeichnet."

Mit einem entsprechenden künstlerischen Aufgebot ist es keine große Kunst, einmal jährlich ein paar Tausend Musikfreunde an den Niederrhein zu locken. Doch damit eins ins andere greift und zu einem Ganzen reift, bedarf es eines soziologischen Klimmzuges: weil die etwa 130 "Veranstalter" - allesamt Individualisten - untereinander in keiner Weise vertraglich reglementiert sind, muss in jedem Jahr aufs Neue ihre Motivation entfacht werden. Nur so ziehen dann auch alle zusammen an einem, dem richtigen Strang, und kann das gemeinsame Ziel transparent und anschaulich unter die Leute gestreut werden. Und doch muss all ihr Tun immer wieder aufs Neue hinterfragt werden und die ursprüngliche Idee und Perspektive in den Brennpunkt gerückt werden. So beginnt jedes neue Festival mit einer Auswertung des Vergangenen und einer Definition des Kommenden. Ein nicht ganz unkomplizierter Apparat also, der für Außenstehende nicht leicht zu durchschauen ist. Hier verbirgt sich der Weg zum Erfolg des Festivals im sozialen Detail und ist ein durchaus organischer Prozess. Es wird also auch viel über die Sache und nicht nur über Musik gesprochen. Die Peripherie nimmt so Anteil an der inneren Balance der Motivation. Dieser Kosmos, ein währungsfreier Raum, in dem die Aufgaben und die Qualität ihrer Erfüllung nur vom Interesse am Ganzen gesteuert werden, ist dabei äußerst sensibel. In dieser Sphäre, wo jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten gibt, was er zu leisten im Stande ist, da ist der hundertfünfzigprozentige Pedant ähnlich gefährlich wie die qualitative Benotung des Einzelnen. Dieses Thema ist fester Bestandteil des jährlichen Happenings geworden. Endlos, aber so spannend, dass wir jedes Jahr versuchen, ein Stück davon sichtbar werden zu lassen.

Der Ort spielt eine wichtige, wenn nicht sogar zentrale Rolle und spiegelt das soziale Moment als eigentliche Antriebsfeder wider. Als wir die Idee des Haldern TV-Spots 2002 entwickelten, wollten wir eine simple Alltagsverrichtung zelebrieren. Nicht zuletzt mit der Zutat "Geduld" bereitete Frau Balkenburg Bratkartoffeln zu. Im Hintergrund lief die thematisch passende Musik von Stephan Eicher.

Nicht mehr und nicht weniger, keine schnellen Schnitte oder populistische Zugeständnisse. Einfach Bratkartoffeln. Im Bestreben, die Zeit zu überlisten und der Bequemlichkeit den Hof zu machen, verlieren wir Wertigkeiten, deren Sinn sich bei flüchtiger Betrachtung nicht erschließt. Die Cleverness als Maßstab eines reibungslosen Fortkommens lässt Frittiertes auf unsere Teller purzeln und Vitamine entsetzt die Flucht ergreifen.

Im Pressetext 2002 gab es folgende Erklärung zum Motto und dem TV-Spot:

"Haldern 1. März 2002

Das Bratkartoffelgleichnis oder: Die Lust am kleinen Genuß

Der kleine Glück lauert vor allem dort, wo wir uns die Zeit nehmen, es zu erleben. Man pflanze also eine Kartoffel, gieße und pflege sie bis zur gänzlichen Reife. Wenn das Laub welkt grabe man die Knollen aus, koche oder brate sie und jeder schmeckt das Erlebnis. Minimalismus pur: Pellkartoffel salzen und mit einem Stich Butter essen!!!

Wer keine Zeit hat, reißt eine bunte Tüte auf, schüttet den Inhalt in die Friteuse und zieht sich das Zeug zwischen Tür und Angel rein.

Solche "zeitsparenden" Sichtweisen mögen sich zwar prima als Spontaneität verkaufen lassen, langfristige Konzepte machen dafür schon beim Machen Spaß - mit dem entsprechenden Finale.

Oder: wenn ich ein Klavier klaue, dann kann ich es nicht von der Steuer absetzen. Wenn ich es mir aber verdiene, prägt mich schon die Entwicklung von der Idee bis zum Besitz des Instruments auf meinem Weg zum Klaviervirtuosen.

Kurzum, wir in Haldern glauben, daß bereits der Weg einer Entscheidung bis zum angestrebten Ziel als ganzer Prozess zu begreifen ist. Und weil für uns die leckeren Sachen so oft, so lange und so hoch oben auf dem Küchenschrank lagen, mussten wir erst wachsen, um dran zu kommen. Dafür waren sie dann um so leckerer. Deshalb: auch wenn der schnelle, leicht verfügbare Kick durchaus seinen Reiz hat, sollten wir nie das Klavier oder die Kartoffel aus den Augen verlieren.

Qualität hat eben auch viel mit Zeit zu tun. Deshalb will Haldern nicht nur Euer Geld, sondern vielmehr auch eine Spanne Eurer Zeit, sprich "gespannte" Aufmerksamkeit. Weil überzeugte Haldernfreunde das begriffen haben, ist es genau diesem Publikum zu verdanken, dass sich immer mehr Musiker aus aller Welt für dieses Festival interessieren, weil sie gehört haben, dass man sich hier Zeit für sie und ihre Kunst nimmt.

Haldern will ein Forum für gute Musik und puristische Lebensqualität sein und hofft auch in diesem Jahr wieder den einen oder anderen unter Euch positiv überraschen zu können. Danke.Schnell geht einem Langsam auf die Nerven.

Raum 3"

Bereits 1 1/2 Wochen vor dem Festival war es ausverkauft, und das ohne die "ganz großen Namen". Genau das, was wir immer wollten, Vertrauen für gute und hochwertige Musik, deren Foren sich täglich verringern und in einer formatierten Medienlandschaft nur noch selten redaktionelle Aufmerksamkeit findet. Der Spruch "Hey, die kennt doch keine Sau." verliert an Relevanz und motiviert zugleich. Künstler wie Joseph Arthur, Mull Historical Society oder Savoy Grand düpieren ihr Publikum und danken mit Lust und Leidenschaft. Millionaire, die wegen eines Verkehrsstaus zu spät kamen, holten ihren verpassten Auftritt kurzerhand in der Nacht nach. Mit äußerster Diplomatie mobilisierte man die müde Bühnencrew zu Höchstleistungen und legte Diebels kalt. Mit Fairfield rückte eine Band vom Terratec Talent Truck auf die Hauptbühne auf und schloss die anfängliche Lücke der Belgier. Die Band aus Rhede meisterte ihre Überstunde mit Bravour und lässt für die Zukunft hoffen.

The Shining aus GB fielen zunächst durch stimmliche Schwächen auf, groovten sich aber Stück für Stück zurück ins Glück. Die beiden Ex-The Verve-Mitglieder begegneten einer neugierigen Meute mit distanzierter Nervosität, die zum Schluss Größeres gelingen ließ. Mit Saybia betraten fünf Dänen die Bühne, deren herzzereißender Pop kein Auge trocken ließ. Ihr hervorragender Sänger und erprobte Band legten sehr viel Leidenschaft in das Konzert und spielten wunderbar auf den Punkt. Dieser Auftritt war große Klasse, aber nichts für Moers. Manchmal ist Schönes einfach, aber schwer, es geschehen zu lassen. Mit The Electric Soft Parade spielte eine der größten Hoffnungen Englands auf dem alten Reitplatz und sie bestätigten ihr Potential. Die beiden Brüder ergänzten sich in allem und interpretierten ihre Lieder sehr lebhaft und eigenwillig. Ian Brown - wohl einer der polarisierensten Momente des Festivals überhaupt: dem Ex-Sänger der Stone Roses musste vorm Auftritt, zum Selbstschutz, das Beil entrungen werden, als er sich am Feuerholz betätigen wollte. Die multikulturelle Band brillierte in jeder Hinsicht, der äußerst schräge Gesang quälte des Öfteren, aber der Typ ist schon eine Klasse für sich. Supergrass, dieses rotzlöffelige Quartett aus England rockte erfrischender als alles zuvor und bemühte alle Tugenden eines wirklich gelungenen und vitalisierenden Rockkonzertes. Hier blieb kein Auge trocken und kein Hintern unbewegt. Das war der sogenannte i-Punkt, das allumfassende Rock'n'Roll-Finale mit allerfeinster Pop-Attitüde. Unermüdlich und kurzweilig. Stille trat ein und der Sigur Rós-Ersatz Savoy Grand schlich auf die Bühne. Wunderbar fein sortierte Töne, gemischt mit Stille und pulsierendem Licht formieren sich zu einem schwebenden Ganzen. Langleys Stimme thronte über allem und liess nur die Trompete an sich ran. Diese vollmundig getragene Leichtigkeit legte sich über Lederjacken und Strickmützen, Zöpfe und strubbelig-burschikose Haarformationen zu einer kuscheligen Decke befriedenden Genusses. Wunderbar und unvergessen: Savoy Grand.

Auf den T-Shirts 2002 kommentierten wir die Absage der Isländer mit "Sigur Raus - Savoy Grand rein." und beließen es dabei. Zu Sigur Rós sei gesagt, dass auch ihre zweite Absage innerhalb von 2 Jahren schmerzt, aber die Qualität ihrer Musik nicht in Frage stellt. Sie können immer noch gerne auf unserem Festival auftreten, nur ankündigen können wir sie nicht mehr. Wie oben kurz erzählt, stürmten statt ihrer die hungrigen Millionäre in den frühen Morgenstunden das Parkett, damit ihre Stunden im Stau nicht für die Katz waren. Ihr Auftritt war uns sehr wichtig. Ihr erster in Deutschland und somit auch ihr bester. Die fünf Belgier zelebrierten mit einer überschwänglichen Dreistigkeit all das, was man impulsiv in Töne packen kann.

Nach einer kurzen Nacht und etlichen Toren begannen die Kaffeemaschinen zu pumpen und die Handlungsfähigen schälten sich aus ihren Schlafsäcken, um die letzte Etappe zu präparieren. Das Stimmen von Gitarren und Abpumpen von Toilettenwagen zog sich wie ein roter Faden durch das Geschehen des Wochenendes.

Die Tore standen stramm und die Briten traten abermals den Beweis an, dass Fußball wichtig, aber auch oft kompliziert ist. Die frisch gelandeten Mull Historical Society stürmten das Bolzareal und tobten wie in Kindheitstagen dem Ball hinterher. Schnell zapften The Cooper Temple Clause die ersten Biere und Gomez bot der Society sportlich Paroli. Joseph Arthur entledigte sich seines Rucksackes und bereicherte mit "Nahkampf Ballsport" das Geschehen. Fußball ist Mannschaftssport, Herr Arthur! Doch das störte ihn wenig und er liess die Augen nicht vom Ball, bis sein Tourmanager ihn auf die Bühne zerrt. Kitzel das Kind im Manne und die Ergebnisse sind unschlagbar.

Figuren mit fettigen Haaren und großen Brillen schleichen durchs Nadelöhr und glauben unsichtbar dazuzugehören, quetschen sich an Tische und schnorren Bier, es ist Ihnen wichtig, und auf der Partitur der Dreistigkeit sind keine Grenzen gesetzt. Mit schlechtem Englisch mimt man den Agenten oder Trommler, um zwei Tage später mit Mutters Hund wieder den Baldeney See zu umkurven. Auch das ist Rock'n'Roll.

Mit den Leaves aus Island betrat eine richtige Neuentdeckung die gewischte Bühne und überraschte auf ganzer Linie. Die vier jungen Kerle machten das richtig gut und ihr Sänger sang sich fantastisch durchs Konzert. Mull Historical Society tauschten den Ball gegen Instrumente und machten dort weiter, wo die spielerische Lust sie starten ließ. Wenn sie beim Fußball zurück lagen, haben sie das Konzert dennoch gewonnen. Beeindruckend, diese Leidenschaft und ein Genuss ihre Melodienvielfalt, das erste schottische Highlight am Samstag. Gemma Hayes musste aus familiären Gründen ihr Kommen stornieren und somit kam Joseph Arthur ein wenig früher zum Zug. Nur mit Gitarre und DAT-Rekorder avancierte Arthur zum domptierenden Spielmann. Virtuos zerrte der Solokünstler an Knöpfen und Seiten und verließ das Hier und Jetzt, um 40 Minuten später vom Zeitplan wieder eingefangen zu werden. Musikalischer Hausarrest dürfte für ihn die Höchststrafe sein und genau das ist es wohl, was Peter Gabriel bei einem Auftritt von Joseph Arthur in einem Club in New York so beeindruckte: Dieses vogelhafte Gefühl von musikalischer Freiheit mit äußerst bescheidenden Mitteln.

Das sich selbst anzapfende Kollektiv The Cooper Temple Clause aus England erzählt - mit den eigenwillig strukturierten Tönen und physikalischen Kräften der Rockmusik - brachial und zerbrechlich auf engstem Raum und dieses sehr unbeirrt und sicher. Inseln von Melodien in schwerer See, umspült von Rückkopplungen und verzerrten Bässen. Ein Gewitter mit warmem Regen für durstige Seelen. Das Quintett aus Belgien war bereit, uns mit halbakustischen Tönen zu betören. Zita Swoon, diese in hiesigen Gefilden schwer unterschätzte Band ist ein musikalisches Steckenpferd von Haldern und ihre Lieder zeugen von großer Klasse und Vielfalt. Der Ex-Basser und Sänger von dEUS liebt die vertrackte und verspielte Komposition mit wunderbarsten Harmonien. Sehr intensiv und leichtfüßig verkörpern die Leute aus Antwerpen eine Mischung aus Avantgarde und Pop, optischer Skurrilität und pompöser Melodie. Ihre Platten machen uns immer wieder glücklich und ihre Konzerte sind manchmal sogar das Maß der Dinge. Gomez, zeitlich bedingt mussten Sie einige musikalische Perlen im Koffer lassen, dominierten jedoch mit spektakulärer Spielfreude und technischer Fertigkeit. Diese vielseitige Band bestach durch die überzeugende Vielstimmigkeit und das Gefühl für eine organische Mannschaftsleistung. Hier wurde mit größter Freude musiziert und der Sandkasten scheint noch in greifbarer Nähe. Für manche war ihr Auftritt zu druckvoll und perfekt, für andere die Überraschung des Festivals. Ein klasse Konzert und eine mehr als freundliche Band, samt Crew usw. Man trat noch kurz mal aus, um dann wieder anzutreten, denn sie waren da, die Kammerkomunarden aus Glasgow: Belle & Sebastian.

Per Handschlag im Januar 2002 in Groningen verpflichtet, tänzelten sie samt unzähliger Instrumente auf die Bühne. Ihre musikalisch getupften Pop-Früchte wurden von einem respektvoll-aufmerksamen Publikum schmachtend erwartet und die Band streichelte die Leute leise und spielte sich in diese beseelte Welt der Harmonie. Es wirkte, als hätten sie Wochen geübt, um bei ihrem ersten Auftritt in der Aula des Immanuel Kant-Gymnasiums ihr erstes Konzert zu bestehen. Fein, leise und teilweise nur andeutend, zelebrierte man eine wohldosierte Zerbrechlichkeit, fern vom Groll einer lauten realen Welt. Die Utopie der Aufmerksamkeit zeigte ihre Wirkung und die Wiese mutierte zu einem großen Picknick im Grünen, einem Forum für unkomplizierte Freude.

Naiv. Denkt der Zyniker und lächelt über das Glück des anderen.

The Notwist

Es wurde umgebaut für The Notwist, wüst gestöpselt und ein Teil der Musiker traf mit dem Zug ein. Heute bot man im erweiterten Kreis das aktuelle Album "Neon Golden" dar, nur die Posaune aus Polen traf nicht ein.

Alle waren am Start. Der Manager, zugleich auch Bühnen- und Tourmanager, gab grünes Licht. Gepiepse und Grummeln formierten sich rhythmisch und aus diesem Teppich an Klängen erwachten die Klassiker der vergangenen Jahre der Weilheimer. Der angedeutet flüsternde Gesang mischte sich unter die gewittrigen Kaskaden von Geräuschen und wirkte aus dem Moment entstehender Improvisationen Lieder mit offenem Ende. Das Konzert war nicht in Stücke zu setzen, sondern ein vielmehr beeindruckendes Gesamtwerk mit ausufernden Energiesträngen. Wunderbare Melodien, getragen von einem rhythmisch spitzen Fahrwerk und einer dramatischen Anmutung. Was hier passierte, war nicht immer einstudiert, es lebte vom momentanen Ereignis und die Richtung war wackelig, aber wuchs ins Handfeste. Ein Allround-Manager in Zeitnöten verfiel in Panik und Frankreich wurde angesteuert.

Die letzte und von der Dramaturgie her wohl kaum besser passende Band die Doves, bestiegen die Rampe weit nach Mitternacht. Sie hatten sich viel vorgenommen und sprudelten geradezu vor Spielfreude. Kaum eine Platte aus 2002 hatte für soviel Vorfreude auf ein Konzert gesorgt, wie "The Last Broadcast". Die verspielten, aber sehr hörbaren Stücke wurden druckvoll unters Publikum gebracht und anfängliche stimmliche Schwierigkeiten verschwanden mit der Zeit. Ein sehr schönes Lichtspiel illuminierte dieses göttliche Finale und unterstrich die Funktion des Pop als Ganzes. Sehr schwelgerisch und pompös vitalisierten sie ein letztes Mal ein müdes Publikum und zerrten an den letzten Energien der Besucher. Das war der Schlusspunkt eines wie wir finden, gelungenen Pop-Festivals.

WDR EinsLive zeichnete alles auf und wird in Kooperation mit der EBU (European Broadcasting Union) die Konzerte in viele Europäische Länder übertragen. So eine kleine Wiese und doch so viele Ohren.

Supergrass spürten, glaubt man ihren Interviews, diesen einzigartigen Vibe und genossen es einfach, mal nur Fußball spielen zu können.

Der Verkehr brach am ersten Festivaltag rund um Haldern zusammen, was zur Folge hatte, dass erstmalig die Verkehrsnachrichten das Festival in Ihre Staumeldungen aufnahm. Alles in allem ist es sehr gut gelaufen und eine Woche später konnte auf dem Areal wieder geritten werden.

Am Mittwoch, dem 14. August veranstalteten wir am Vorabend der Popkomm einen "Haldern in Köln" -Abend und präsentierten das erste The Libertines-Konzert in Deutschland. Zusammen mit Ikara Colt und British Seapower gastierten direkt drei Acts mit Zukunft im Kölner Stadtgarten. Unterm Strich eine Investition in die Zukunft und ein musikalisches Festessen für die Kritiker. Geld verdient man nicht mit gänzlich neuen Künstlern, aber sie erhalten einem den Spaß an der Sache.

Wie schon gesagt, waren die anschließenden Presse-Reaktionen mehr als erfreulich. Die SZ widmete Haldern direkt eine ganze Seite und sprach von der Zukunft des Kleinen und der Renaissance der Aufmerksamkeit. Sie alle lobten dieses respektvolle Publikum und führende Musik-Medien glauben, dass das eigentlich Besondere an Haldern die Zuschauer sind. Dem pflichten wir bei, obwohl ganz Schlaue dieses wieder als strategisches Marketing bezeichnen werden. Manche sprechen vom Mythos, wir allerdings von einem Festival zu unseren Bedingungen, nicht mehr und nicht weniger.

Wir verfolgen eine Strategie, aber das ist auch verständlich, da wir ja auch ein konkretes Ziel verfolgen. Und wenn wir Geschichten zum Festival erzählen, hängt es damit zusammen, dass wir glauben, dass so das Eine oder Andere auch besser nachvollziehbar wird und die Hintergründe für eine gewisse Transparenz sorgen. Punkt.

2003

Das Festival wird 20 Jahre und die Spex fragt Sven Regener, Sänger von Element of Crime und Verfasser des Buches, Herr Lehmann, ob er nicht mal seine persönlichen Eindrücke zum Haldern Pop niederschreiben möchte. Element of Crime spielte bereits 1988, 1993 und 1995 in Haldern und gewann.

Das Wunder von Haldern

Jubiläen haben in der Popmusik einen unangenehmen Beigeschmack. Besonders peinlich ist es, wenn Bands mit so was kommen, aber auch das Wissen, dass etwa ein Festival, und hat man es noch so gerne, seit 20 Jahren existiert, schreckt eher ab, man muss befürchten, mit alten Geschichten und Bauchschussnarben konfrontiert zu werden, man sieht schon die Veteranen aufziehen, die Hand heben und "Ich war damals schon dabei" rufen, und wenn man selber Veteran ist, muss man einsehen, dass man dem Tod seit damals, das einem wie gestern vorkommt, 20 Jahre näher gekommen ist.

Aber beim Haldern-Festival, das dieses Jahr zum 20. Mal stattfindet, ist das anders, denn dieses Festival ist ein Wunder. Da die meisten Wunder von kurzer Dauer sind - eine flüchtige Marienerscheinung hier, eine Spontanheilung dort, der Rest ist rückschauende Verehrung -, hat ein Wunder, das 20 Jahre andauert, eine besondere Würdigung verdient, auch und gerade dann, wenn es sich um ein Rockfestival handelt.

Geboren wurde das Haldern-Festival Anfang der achtziger Jahre aus dem Wunsch heraus, eine von befreundeten Ex-Ministranten (!) selbst organisierte, jährliche Freiluftparty in der niederrheinischen Provinz mit Live-Musik zu beschallen. Etwa 54 Jugendliche taten sich damals in einem sog. Aktienprojekt zusammen, zahlten jeder 500 DM ein und verpflichteten sich, bei der Organisation des Festivals mitzuarbeiten. Mittlerweile ist die Zahl der Aktionäre auf etwa 130 angewachsen, von den Gründern sind noch etwa 40 dabei. Im Unterschied zur klassischen Aktie erwirbt hier der Aktionär allerdings keinen Vermögenswert, sondern geht vielmehr eine freiwillige Verpflichtung ein, es gibt auch keinen Vorstand und keinen Aufsichtsrat, es wurde kein Verein gegründet, kein Kassenwart gewählt und keine Satzung beschlossen. Im Kern handelt es sich um die Realisierung eines alten anarcho-syndikalistischen Traums: um den freien Zusammenschluss autonomer, gleichberechtigter Individuen ohne Herrschafts- und Befehlstrukturen.

So etwas geht eigentlich nie gut, schon gar nicht bei der Organisation eines Festivals. Die Geschichte der Rockfestivals, der kleinen wie der großen, ist auch eine Geschichte der Katastrophen, ihre Organisation ist Schwerstarbeit und so gefährlich wie der Transport von Nitroglyzerin. Der Quereinstieg gut meinender Amateure in dieses Geschäft endet fast immer im Unglück... Der kleinste der Naivität und mangelnden Erfahrung geschuldete Fehler kann Menschenleben kosten, und die Zahl der unbedarften Musik- und Heimatliebhaber, die Oma ihr klein Häuschen an einem einzigen Wochenende im Regen versenkten, ist Legion. Wer einmal auf einer Bühne stand, von deren Dach bei aufkommendem Wind die ersten Bretter und Eisenstangen herunterfielen, wer schon auf Gummimatten stehen musste, um beim Gitarrespielen nicht von Stromstößen gequält zu werden, wer Veranstalter weinend die letzten Pfennige aus der Tageskasse klauben sah, wird wissen, dass Professionalität im Open-Air-Geschäft keine Sekundärtugend ist. Dasselbe gilt für die Behandlung des Publikums. Ein paar Klos zu wenig, ein paar Bands, die nicht kommen, zu lässige oder zu aggressive Ordner, zu heißes Wetter oder zu viel Regen, zu viel oder zu wenig Alkohol - das kleinste Problem kann bei tausenden von Menschen auf engem Raum ins Desaster führen, zu Vandalismus, Unfällen, Schlägereien, Massenpanik, Toten und Verletzten. Die Verantwortung ist groß, und entsprechend uncharmant müssen viele der großen Festivals für die Besucher daherkommen. Und das ist der erste Teil des Wunders von Haldern: 130 Leute ohne hierarchische Anleitung machen nicht nur aus dem Stand heraus immer alles richtig, sondern schaffen dabei auch noch eine für alle Beteiligten, Musiker wie Publikum, angenehme und entspannte Atmosphäre. Und wenn man einen von ihnen fragt, wie das angehen kann, bekommt man eine typische Haldernantwort: "Das liegt natürlich an der Musik."

Und das ist der andere, entscheidende Teil des Wunders von Haldern.

Haldern ist kein Spartenfestival, die Auswahl der Musik ist undogmatisch und ohne subkulturellen Dünkel, das Budget ist bescheiden, und dennoch wird Jahr für Jahr kenntnisreich und mit unglaublicher Liebe zur Musik ein Programm auf die Beine gestellt, das staunen macht. Dabei werden mit großem Respekt überwiegend Musiker verpflichtet, die noch nicht oder nicht mehr allzu teuer sind, und so hat das Haldern-Festival immer wieder eine Avantgardefunktion erfüllt, ohne je mit diesem Anspruch aufgetreten zu sein.

Professioneller Anarcho-Syndikalismus gepaart mit tiefer Liebe zur Musik: Das ist das Wunder von Haldern. Und noch muss man keine Votivtäfelchen malen. Hingehen reicht.

Sven Regener/ Erschienen in SPEX, August 2003

Diese gutverpackte Vollmilch-CD kam aus Ägypten zurück und ist trotzdem noch geniessbar.

Es schließt sich der Kreis, wenn die Richtung stimmt.

Mit diesem Motto formulierten wir unser Jubiläum und luden Bands auf den Reitplatz - für eine runde Sache im August. Als aller Erstes stellten wir den Vollmilch-Sampler des Jahres 2002 zusammen, um den wartenden Haldern-Pop Freunden noch ein Osterei in den Briefkasten zu legen, worüber es dann Juli wurde. Parallel wurde aber auch schon kräftig gebucht. Bright Eyes und Patti Smith standen ganz oben auf unserer Liste und hier wollten wir auch erfolgreich sein. Bright Eyes wegen diesem unglaublichen Album „LIFTED or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ (Saddle Creek; 2002) und Patti Smith als wütende Ikone immer noch bunter und praller Musikvisionen, deren Kraft auch nach fast 30 Jahren nicht verblasst ist. Überhaupt finden wir es spannend, zwei Musiker-Generationen auf einer Bühne stehen zu haben und auf Effizienz optimierte Programmstrategien zu ignorieren. Nach den sehr britischen Jahren folgte ein „skandi-kanisches“ Festival, viel Empörung und Turbulenz sollten nun unsere Buchungspolitik begleiten und die (Oh)macht der Gewohnheit haderte mit uns. Uns war klar, dass man mit diesem Programm wirtschaftlich keine Bäume ausreißen konnte, trotzdem: Die Dramaturgie des Ganzen wird immer von zentraler Bedeutung sein. Die oben angesprochene Generationssituation war Konzept, denn Qualität ist nicht immer ein Privileg der Jugend. Trends bedeuten Abhängigkeiten und die wollen wir ein bisschen vermeiden. Überhaupt glauben wir, dass gewisse Marketingstrategien die Menschen in Zielgruppen konfektionieren und somit auseinander treiben. Es ist doch besser, wieder die Gemeinsamkeiten zu entdecken, wo sich vermeintlich differenten Zielgruppen wieder bei einem frischen Bier treffen können. All das kann die Musik.

Spaß an der kleinen Tätigkeit und die rote Karte für die Mikrowelle.

Arbeitslosigkeit beginnt im Haushalt und endet im Überfluss der Untätigkeit. "Produktivität“ ist ein geschälter, anti-septischer Begriff, an der Peripherie von den wertvollen Ballaststoffen des Lebenswerten bereinigt und zu 100% dem Rationellen geweiht. So werden Welten sauber separiert - so wandert die Arbeit ins Exil der Gewerbegebiete, das Ballspiel ins Sport-Zentrum, und der Zugezogene ins Neubaugebiet. Alles hat seine Ordnung und wir trennen das Unangenehme vom Angenehmen, das Logische vom Unlogischen, den Hip-Hop vom Walzer und den Bohlen vom Balser, Jung von Alt und das Schöne vom Hässlichen - das Doofe den Doofen und den Schlauen das Feuilleton. Zielgruppenfragmentierung ist ein betriebswirtschaftlicher Trendsport und die Postmoderne lächelt geheimnisvoll wie eine Sphinx um weiter zu ziehen, uneinholbar beim Kreuzzug des Sichtbaren gegen die Imagination, und ist die trittfest gezüchtete Tomate nur rot und rund, dann ist es auch ohne Vitamine sehr gesund. Zumindest macht man uns das glauben.

Die Arbeit abzuschaffen, war immer Ziel der Betriebswirtschaft. Nun ist sie wirklich weg und wir wundern uns, wie lang der Tag und wie kurz die Nacht doch ist. Kein Trend bleibt ungesattelt, keine Idee nicht auf ihre marktwirtschaftliche Potenz geprüft und kein Gedanke umgreift das Ganze.

Was unsere Kinder davon halten?

Wenn sie noch jemals lesen lernen, dann machen sie Abitur, denn die sollen es "noch besser“ haben als wir.

Interessieren wir uns fürs Alter, dann wird man sich vielleicht auch irgendwann für uns interessieren. Sind Falten Orden und Geschichten spannend, dann wird die Geduld zur Tugend und das ist der erste Schritt einer stressfreien Jugend.

Es schließt sich der Kreis, wenn die Richtung stimmt.

Raum 3/ Haldern im Juli 2003/ PR Text der Vollmilch 2002

Wir luden das Dorf zu einer kleinen Marktplatz-Party ein und feierten mit allen, die so einen Dorfkosmos beleben. Von den Bewohnern des Altenheims bis zu den jüngsten, wurde unter der Linde bis in den frühen Morgen gefeiert.

Es war ein gnadenlos heißer Sommer und die Hitze sollte erstmals über 40°C steigen. Regenjacken wurden durch Sonnenhüte ersetzt und es musste in ganz anderen Dimensionen gedacht werden. Waren wir firm, dem Regen zu trotzen, so überraschten uns die Auswirkungen des heißen Sommers. Wir machten Regen, verboten das offene Feuer und WDR 2 fragte via Live-Schaltung, ob wir das Rauchen verbieten würden. Umstände, die man bis dato nicht kannte, zeitigten entsprechend ungewöhnliche Lösungen. Riesige Ventilatoren wurden mit Wasserschläuchen kombiniert, Zuschauer-Berieselungsanlagen konzipiert und der See ein zweites Zuhause. Die Camper bekamen Frischwasser in Tankkarren und es wurden Sonnenschutzplätze gebaut. Die Bemühungen, es dem Publikum so erträglich wie möglich zu gestalten, wurden mit großer Sensibilität gedankt. Ein Jeder stellte sich sehr gut auf die tropischen Bedingungen ein und allumfassender Teamgeist trotzte den Umständen. Deshalb möchten wir uns an dieser Stelle nochmals herzlich bei allen Besuchern für die der extremen Situation angepasste Sorgfalt und ihr Verständnis bedanken. Die Temperaturen verschmolzen alle Beteiligten zu einer friedfertigen Festgesellschaft und hinterließen bei uns großen Respekt für unser Publikum.

Die "Popblagen" gucken vom Richterturm auf die Bühne

Ein paar Haldernern, war nicht zu vermitteln, dass Park- und Campinggebühr im Ticketpreis enthalten waren. Und dies trotz ausführlicher Erklärungsversuche, warum man für eine relativ kleine Gruppe von Leuten keine Ausnahmesituation organisieren kann, weil der zu betreibende Aufwand zu personalintensiv und teuer geworden wäre. Es ist eine - bisweilen bittere - Tatsache, dass man organisatorisch nicht jedem gerecht werden kann, sondern immer die gemeingültigste Lösung anstreben sollte. Nach ausführlicher Diskussion mit einem der Beschwerdeführer und endlosen Erklärungsversuchen wurde uns sehr schnell klar, wie reformunfähig dieses Land ist, wenn jeder sein individuelles Recht so strapaziert und es über die Grenzen des Allgemeinen einfordert. Als nach unserem Gespräch die Medien mit einem Schreiben über diese „Ungerechtigkeit“ informiert wurden, blieb für uns nur die Erkenntnis, das hier einige das „Ganze“ in Frage stellen, um das „Einzelne“ zu seinem vollen Recht kommen zu lassen. Indes: Das Festivalkollektiv organisiert dieses Happening nicht aus betriebswirtschaftlichen Gründen und versucht die Rahmenbedingungen so besucherfreundlich wie nur möglich zu gestalten. Schon im Vorfeld wird viel Zeit darauf verwendet, auch Neues in punkto Service anzubieten, doch würden wir nie die atmosphärische Statik dem Wunsch einiger weniger opfern. Jede Ausnahmesituation wird auf ihre allgemeine Relevanz geprüft und genau da fixiert, wo sie für alle noch tragbar ist.

Doch zurück zum Wesentlichen, zur Musik.

Im Laufe unserer Vorbereitungen und indem wir die im Januar 2004 von Eurosonic/ Noorderslag in Groningen gewonnenen Eindrücke verarbeitet hatten, fühlten wir, dass es galt, regionale Eigenarten wieder zu entdecken und verknüpften diese mit dem klassisch Gelernten. Wurde auch die alt bekannte Biographie des Rock’n & Roll von angloamerikanischen Bands geschrieben, so wird doch immer deutlicher, dass eine eigenständige und dreiste Mischung europäischer sowie amerikanischer Musikkulturen wunderbare Ergebnisse hervorbringen kann. Schließlich: Wo liegt der Sinn, wenn eine Band aus St. Petersburg, Linkin’ Park kopiert? Experimentierfreude braucht ein aufgeschlossenes und interessiertes Publikum, denn Applaus wollen Sie alle. Lange Jahre schienen die Furchen popmusikalischer Pfade tief ins junge Verständnis gegraben, um wie auf Schienen geführt, vorher gedachte Wege zu gehen. Ist Musik wieder Ausdruck von Leidenschaft und trägt das Innere nach außen, so lässt sich ihre Herkunft nicht leugnen. Kaizers Orchestra kletterten mit nordischer Energie und kraftvoller Rhythmik auf dem direktesten Weg in die Beine und Köpfe der Zuschauer und erinnerten an eine polternde Hochzeitskapelle vor dem finalen Eklat. In norwegischer Sprache spielte die Band aus Bergen ein völlig überraschtes Publikum geradezu an die Wand. Die holländischen Spinvis fädelten in feinster kammerorchestraler Art kleine, sensible Pop-Perlen auf und trugen die Worte in niederländisch vor, so homogen, dass man sich eine andere Sprache gar nicht vorstellen konnte. Es war schon sehr bewegend, wie der Vater den Sohn auf der Gitarre begleitete und wie zwei Generationen so dicht auf einer Bühne zusammen spielten. Sgt. Petter eröffnete den Freitag mit seiner Vorliebe zum Country - geschickt gemischt mit feinen Pop-Zitaten. Besonders viele junge Leute sollten später noch häufig nach seinem Namen fragen. Belasco, guter Pop aus Großbritannien, ließen ihre musikalische Vorlieben, Radiohead und Coldplay, schnell erkennen und stillten junge romantische Erwartungen. The Raveonettes haderten mit dem Sound und ließen, bei aller dem Anspruch und der Hitze gezollten Coolness, doch den erhofften Druck vermissen, der für Ihre Konzerte normalerweise unabdingbar ist. Nach dem Inferno von Kaizers Orchestra wurde es denkbar schwer, für die vier Dänen von Kashmir. Mit einer fantastischen Platte im Gepäck und diesem unvergessenen Konzert aus dem Jahre 2000 auf dem Konto sollte es dann doch wohl gehen. Gefühlvoll komponierte Stücke mit gefälligen Melodien kontrastieren mit ekstatisch-virtuoser Interpretation. Eine großartige Stimme führt uns durch die Lieder und alles klingt luftig, breit und tief. Klassische Gitarrensoli und komplexe Arrangements werden zu einem beeindruckenden Ganzen. Einziges Problem war der Sound, denn der Mischer ließ hier einige Fragen offen - leider.

Frank Popp ließ danach einiges an Dynamik vermissen, vielleicht war es auch einfach zu früh am Abend und die Band in dieser Konstellation nicht gut genug eingespielt, so dass der Funke nicht übersprang. Dafür gab es nun nicht diesen gefährlichen Kontrast von tobender Tanzwut gegenüber der leisen und sensiblen Komponistenhoffnung Matt Hales. Unter dem Namen Aqualung gastierte dieser britische Domspatz ganz alleine auf der großen Bühne. So ganz ohne ein Autorität verschaffendes Schlagzeug - nur er, sein Piano und sein Bruder an der Gitarre. Diese Experiment war sicherlich gewagt, aber auch so eine Art Test, wie weit können wir gehen, wie reagieren die Leute auf zarte Balladen. Zerbrechlich und fernab von jeglichen rhythmischer Limits schwebte die Musik dieser Geschwister durch die Luft des schwülen Sommerabends. Ein einzelner fliegender Becher durcheilte die dichte Atmosphäre, was aber dem Vortrag nicht schadete. In diesem Augenblick steht man als Veranstalter ziemlich hilflos neben der Bühne und hofft nur auf die stille Aufmerksamkeit der Zuschauer. Man weiß, was man einem Musiker antun kann, wenn man Ihn in so einer Situation ins offene Messer der „Party-Fraktion“ jagen würde. Aber alles ging wunderbar. Die weniger Interessierten orientierten sich zur Theke und der Rest hörte zu. Danke. Matt Hales kam strahlend von der Bühne und bedankte sich bei uns für diese wunderbare intime Atmosphäre. Auf den Becher angesprochen, meinte er nur, dass er eigentlich mit derer 50 gerechnet hätte. Am Schluss warfen Xploding Plastix, die Elektroniker aus dem norwegischen Bergen das stilistische Ruder noch einmal herum, aber die nächtliche Hitze forderte Ihren Tribut. Dennoch verzückten sie den einen oder anderen und glänzten mit einem unglaublichen Schlagzeuger. Dann war Ruhe. Nur auf dem Campingplatz genoss man den Schatten der Nacht und das kühle Bier bis zum frühen Morgen. Über Nacht trafen, wie das gute, alte Kirmesvolk, Cardigans und Bright Eyes ein. Die einen direkt aus Schweden, die anderen mit der Fähre von England. Auch Patti Smith, die Ikone des Rock’n Roll und der schnörkellosen Umsetzung von tief empfundener Leidenschaft und Energie ist eingetroffen! 1980 beendete Sie, der Liebe wegen, ihre musikalische Karriere auf ihrem Höhepunkt, um eine Familie zu gründen. In Florenz gab Sie noch ein Abschiedskonzert vor 70.000 begeisterten Fans. Was sie machte, tat Sie konsequent und auch nur diese Eigenart qualifizierte Sie für den Rock-Olymp. Infiziert durch ihr damaliges Rockpalast-Konzert in Essen, sollte uns der Wunsch nicht mehr los lassen, diese sagenhafte Künstlerin einmal in Haldern erleben zu können. Jetzt war Sie da und eine gewisse Rührung und Stolz überkam so einige an diesem Morgen, der wieder einen heißen Sommertag versprach. Das geschäftige Treiben auf dem Gelände nahm seinen Lauf. Die Erfrischungsinnovationen wurden gewartet und optimiert, die Bühne präpariert und im Cateringzelt flossen Kaffee und Wasser in Strömen. Verschlafene Musiker krochen aus Ihren Bussen und sprangen in den See oder inspizierten die Bühne. Beim Frühstück fragte man nach Besucherfrequenz und Bands des Vortages und tauschte sich rege und lautstark mit einander aus. Der große Fallschirm als Sonnendach entwickelte sich zur zentralen Nachrichtenbörse hinter der Bühne. Ein Extra-LKW Mineralwasser wurde angeliefert und das Kamera-Team vom Rockpalast sammelte sich im Schatten des Fallschirms, um sich bei Kaffee und Brötchen mit den Freunden von EinsLive zu akklimatisieren. Es war wunderbar entspannend und kein Stress, so wie ihn der erste Tag meistens kennt, alle sind orientiert, und diese Sicherheit gibt Ruhe. Müde Augenpaare lassen sich von anderen Schwarzgeränderten erklären, wie und wann sie ins Bett, Zelt oder den Bus gekrochen sind. Das Ganze hatte, auch dank dieser Temperaturen, etwas von Urlaub. Die Amis von Koufax bogen um die Ecke, bauten auf und legten los. Das war unglaublich gut, wenn nicht sogar fantastisch. Als erste Band so präzise und mit Spaß bei der Sache, dass man sichtlich beeindruckt war. Im Anschluss, nicht minder sensationell, die Schweden Isolation Years. Beide Bands hatten einen sehr guten Ton in der Front und spielten schon zu dieser sehr frühen Stunde sagenhafte Konzerte. Alle schauten auf die Uhr und fragten sich, wo denn wohl Dead Man Ray blieben - und in wirklich letzter Sekunde bogen die vom Stau gebeutelten Belgier um die Ecke um im im fliegenden Wechsel auf die Bühne zu eilen. Das ging schnell, sehr schnell. Unter dem alten Fritz hätte diese Band wenig Chancen gehabt und auch heute wird ihre Musik wenig bei uns gehört - eigentlich unverständlich, denn sie sind meisterlich. Ihre Platten, Ihre Konzerte einfach Weltklasse. Diese Mischung aus Präzision, seltsamen Sounds und interessanten Versatzstücken von Rhythmik, Elektronik und Melodie. Diese kraftvolle Stimme strahlt selbstbewusst und eindringlich in jedes offene Herz. Dead Man Ray: Ein analoges Manifest.

Under Byen aus Dänemark trafen bereits am Freitag ein. So versammelte sich dieses kleine Kammer-Ensemble bestens präpariert auf die Bühne und verzauberte schon in der flirrenden Mittagshitze ein perplexes Publikum mit filigransten Tönen. Sängerin Henriette konnte ihre stimmliche Nähe zu Björk nicht leugnen. Die Instrumentierung der Band ist ungewöhnlich und reizvoll zugleich: Da agieren zwei Schlagzeuge neben einem Keyboarder, einer singenden Säge, dem Chello, einer Geige und zentralem Bass. Mit organischer Wucht und tagträumerischer Melodie überrumpelten die nordischen Männer und Frauen das Publikum. Laut und leise, und immer spannend entwickeln sie diesen tragisch- mystischen Rausch aus handgemachter Musik mit Elfengesang. Diese klasse Band war neu und gut und in Deutschland noch ohne Plattenvertrag. Doch dazu später mehr. Ein Freund und Trompeter von Ed Harcourt hatte Frau und Kinder mit nach Haldern gebracht, sie genossen dieses unkultivierte Landleben und lagen auf dem Boden, um Bilder zu malen und zu spielen. Wir machten sie mit zwei Kleinwagen mobil und freuten uns über die Unzertrennlichkeit, die sie ausstrahlten. Ed Harcourt bestieg die Bühne und leerte kurz vorm Auftritt beim Tourmanager seine Taschen, damit frisch und frei musiziert werden kann. Ein in Deutschland noch unbeschriebenes Blatt, aber ein Musiker, der hier und jetzt all seine unterhaltende Klasse aufblitzen lässt. Er hatte einfach große Lust zu spielen - man spürte es. Bereits am Freitag traf Evan Dando aus Australien ein und kam vom Hotel auch direkt zum Festival. Gut gelaunt und im Gepäck neueste Aufnahmen seines jüngsten Schaffens, die er uns kommentiert vorspielte. Einen Tag später sah die Welt für ihn ein ganz anders aus, zerbrechlich und schlecht ansprechbar klebte er in seinem Hotelzimmer und schaffte es nur sehr kurzfristig, zum Auftritt auf den Reitplatz zu erscheinen. Sehr apart und verloren betrat er die Bühne, um die ersten Lieder allein zu singen. Irritiert durch den Rauch der Nebelmaschine geriet er in Wut und schmiss sie von der Bühne in den Fotograben, was großen Unmut bei der Crew hervorrief. Und schon war der Auftritt wieder vorbei und Evan zurück im Hotel. Schade, wenn solch ein guter Musiker unter solch eigenartigen Bedingungen den Realitätsbezug verliert. Das Konzert litt unter dem Blackout, kann aber seine Größe als Musiker nicht schmälern. Ich für meinen Teil empfand diese 45 Minuten als unglaublich dicht - alles andere ist eine Frage der Interpretation. Nachdem sich die Musiker von Bright Eyes den ganzen Tag eingrooven konnten und Connor Oberst sich mit dem Bouquet guten Rotweines in Stimmung brachte, stieg die Spannung ins Unermessliche. Das war schon sehr wichtig, dieses Ensemble aus Omaha hier leibhaftig zwischen Baggersee und Reitplatz auf den Brettern zu sehen. Den Tag über sah man seinen Trompeter sich in irgendeiner Ecke warm spielen und die Stimmung stieg stetig. Jetzt sollte es passieren und dieser junge Musiker aus Nebraska wurde zum Brillianten, von dem wir alle so lange träumten. Dieser Auftritt war einfach fantastisch, zugegebenermaßen meine subjektive Sichtweise, aber es war ein wie ein Rausch. Richtig, so schreiben nur Fans, aber genau das sind wir. Ein LKW fährt vor und riesige Kronleuchter werden ausgeladen. Was so aussieht wie ein Umzug in Hamburg Blankenese ist die Dekoration der Cardigans. Hier wird viel und schnell geschleppt, um alles so gemütlich wie möglich zu machen. Die Schweden sollten ja eigentlich am Freitag spielen, aber es wurde doch der Samstag. Das aktuelle Album brach mit dem Bekannten und führte die Band in handwerklich, atmosphärisch und kompositorisch neue Welten. Der Auftritt bestätigte ihre Fähigkeiten und ließ sogar ein Lächeln über die Lippen einer schwarzhaarigen Nina Persson huschen. Kühl aber gut diese Schweden. Patti Smith ... (hier geht's bald weiter)

 

Newsticker

16.05.2012
Festivalnews-Deutsch
27.04.2012
Labelnews-Deutsch
23.04.2012
Labelnews-Deutsch
08.04.2012
Festivalnews-Deutsch

Benutzeranmeldung

Wer ist online

Zur Zeit ist 1 Benutzer online.

  • Aris